
Richard Sensemann | 7. Februar 2013
http://derfreiheitliche.de/2013/02/07/eine-stimme-aus-syrien/
Die Syrien-Berichterstattung in den deutschen Medien folgt weitgehend unkritisch den Vorgaben der US-Propaganda. Nur wenige Journalisten, in erster Linie Peter Scholl-Latour, Manuel Ochsenreiter und Jürgen Todenhöfer, wagen einen genaueren Blick und denken selbst, wo andere bloß abschreiben. Auch Der Freiheitliche wollte nun wissen: was geschieht wirklich? Zu diesem Zweck stellten wir der syrischen Schriftstellerin und Aktivistin Fatime Oomyadin einige Fragen…
Frau Oomyadin, bitte stellen Sie sich doch unseren Lesern kurz vor!
Gern. Ich danke für Ihr Interesse an den Vorgängen in Syrien. Wie Sie sagen, ist die Berichterstattung in westlichen Medien leider einseitig und verbreitet die von Qatar fabrizierten Lügen. Daher schätze ich Ihr Interesse sehr. Zu mir: ich bin 1973 in Tyros / Libanon geboren als Tochter eines Syrers und einer Libanesin. Mein Vater ist sunnitischer Muslim, meine Mutter stammt aus einer jüdischen libanesischen Familie. Religion ist in meiner Familie der persönlichen Entscheidung untergeben, wir betrachten uns als syrische Patrioten. 1984 wanderten wir – nach neun Jahren des Bürgerkrieges im Libanon überdrüssig – nach Deutschland aus. Meine insgesamt 14 Jahre in Deutschland haben mich sehr beeinflußt. Zum Einen besuchte ich die Schule, lernte Deutsch, zum Anderen hatte ich deutsche Freunde, las deutsche Literatur (in die ich mich verliebte). Als Teenagerin hatte ich einen deutschen Freund. In Berlin wohnend, sind wir Zeugen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung geworden. Der Mauerfall hat uns tief bewegt, das war ein ungeheurer Moment. Mein Vater ist ein beherrschter Mann, der Emotionen höchstens in Ironie kundtut. Am Abend des 09. November 1989 saß er vor dem TV-Gerät, sah die Bilder von den jubelnden Menschen und weinte hemmungslos. Dann rief meine Tante an und berichtete, in Damaskus führen die Menschen Autokorso und machten Party aus Freude für Deutschland. Wir haben uns für die Deutschen sehr gefreut, haben gespürt: da endet eine schlimme Zäsur der Geschichte, und die Menschen in Europa (das größer ist als die EU) finden zusammen. 1993 bin ich dann zum Studium (Sprach- und Literaturwissenschaften) nach Damaskus gegangen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Syrien das Land meines Vaters gewesen, jetzt lernte ich es kennen… und verliebte mich in dieses von der Geschichte des 20. Jahrhunderts so gebeutelte Land, seine Menschen, seine Zivilisation. Die 1990er Jahre waren nicht einfache Jahre in Syrien. Ich erinnere mich, wie an einem Tag Hafez al-Assad einen Vortrag mit anschließender Aussprache hielt. Natürlich, Hafez war ein Mann mit ungeheurer Präsenz, traute sich wenige Menschen zu fragen. Ich erinnere aber eine Antwort auf die Frage, was denn von uns jungen Akademikern in spe erwartet würde. Hafez dachte kurz nach und sagte dann: „Sie sollten eines nie vergessen: es ist das syrische Volk, das Ihnen Ihr Studium ermöglicht. Arbeiter, Handwerker, Bauern, Soldaten geben ihren Einsatz, daß Sie hier sein können. Das sollten Sie als Privileg sehen, und jedes Privileg ist eine Verpflichtung. Daher meine Antwort, was wir von Ihnen erwarten: egal, in welche Positionen Sie gelangen werden, vergessen Sie niemals, daß die Brotfrau, der Teeverkäufer, der Kupferschmied, der Busfahrer es waren, die Ihnen dies ermöglicht haben. Beweisen Sie, daß Sie dieser Auszeichnung würdig sind.“ 1997 kam meine Tochter Leila zur Welt, sie ist eine wirklich stolze Damaszenerin. Nach einem erneuten Aufenthalt in Deutschland 2004-2008 kamen wir dann zurück nach Syrien, wo wir in Aleppo, in der Stadt meines Vaters, leben. Ich bin verwitwet und alleinerziehend für Leila. Im Übrigen bin ich nur Autorin, keine Schriftstellerin – und ‘Aktivistin’ ist ein Begriff, den ich mir nicht nehmen möchte.
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