Armenisch-Aserbaidschanischer Konflikt: Massaker und Moneten – ZUERST!

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 Massaker und Moneten

Wie sich deutsche Politiker von Baku vor den Karren spannen lassen – und es nicht einmal bemerken

Anläßlich „des 21. Jahrestages der Tragödie von Chodschali“, so der offizielle Pressetext der aserbaidschanischen Botschaft, „hat das Deutsch-Aserbaidschanische Forum in Kooperation mit der Botschaft der Republik Aserbaidschan am 18. Februar in die Deutsche Parlamentarische Gesellschaft in Berlin eingeladen“. Die Presseerklärung der Botschaft der Kaukasusrepublik schwärmt: „Über 150 Gäste, darunter 15 Bundestagsabgeordnete, kamen zu der Veranstaltung, bei der hochrangige Vertreter aus Politik und Gesellschaft über die Stabilität und Sicherheit im Südkaukasus und die Perspektiven der deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen diskutierten.“ Unter den „hochrangigen Vertretern“ waren neben dem CDU-Außenpolitiker Philipp Mißfelder auch der Vizepräsident des Deutschen Bundestags, Eduard Oswald (CSU), der frühere Sprecher der Bundesregierung und heutige Generalkonsul Aserbaidschans, Otto Hauser (CDU), und der FDP-Außenpolitiker

Rainer Stinner.

An jenem Abend in Berlin ging es

um eine seltsam anmutende Melange

aus Moral und Geld. Der Anlaß – der

Jahrestag der „Tragödie von Chodschali“

– wurde vermengt mit knallharter

Interessenpolitik für Aserbaidschan –

und die deutschen Ehrengäste spielten

dieses eigenartige Spiel willfährig mit.

Chodschali ist eine kleine Stadt im

Südkaukasus, die während des Kriegs

um Berg-Karabach zwischen Armenien

und Aserbaidschan (1992 bis 1994) von

armenischen Freischärlern am 27. Februar

1992 erobert worden war. Aserbaidschan

behauptet, die Armenier hätten

dort ein brutales Massaker begangen,

bei dem angeblich 613 Zivilisten,

davon 106 Frauen und 83 Kinder, getötet

worden seien. Die Armenier seien

dabei vom russischen 366. Motorschützenregiment

unterstützt worden. Das

angebliche „Massaker von Chodschali“

blieb nicht ohne Folgen: In Baku – der

Hauptstadt von Aserbaidschan – führte

es dazu, daß die Opposition an die

Macht kam. Nach Chodschali wurde

der Krieg um Berg-Karabach von beiden

Seiten noch un erbittlicher geführt.

Im politischen Mainstream hat sich die

offi zielle aserbaidschanische Version

der Geschehnisse des 27. Februar 1992

durchgesetzt: Armenier und Russen ermordeten

und verstümmelten 613 aserbaidschanische

Zivilisten. In Baku

spricht man von „Völkermord“, eine

Schreckensvokabel, die im politischen

Berlin traditionell Ohren und Herzen

öffnet und kritische Nachfragen verstummen

läßt. Das wissen auch die

aserbaidschanischen Diplo maten in

Berlin, und sie beherrschen die Dramaturgie

des politischen Trauerns mittlerweile

glänzend.

Zwischen Armenien und Aserbaidschan

herrscht seit 1994 Waffenruhe.

Berg-Karabach ist heute de facto ein armenischer

Staat, der allerdings international

nicht anerkannt ist. Die Vereinten

Nationen betrachten Berg-Karabach

weiterhin als Bestandteil Aserbaidschans.

Doch Baku treibt die Angst, eine

internationale Anerkennung Berg-Karabachs

könnte allein schon wegen des

langen relativ stabilen Bestehens näherrücken.

Das „Massaker von Chodschali“

ist für Baku eine der wichtigsten Waffen

im PR-Arsenal, um moralisch gegen Armenien

und Berg-Karabach mobil zu

machen. Die simple Logik heißt: Einem

Staat, der durch ein solches Unrecht

begründet wurde, darf niemals ein

Existenzrecht zuerkannt werden. In

Deutschland scheint man diese Argumentation

jedenfalls unwidersprochen

mitzugehen – wie nicht zuletzt die Gedenkveranstaltung

bei der Deutschen

Parlamentarischen Gesellschaft zeigt.

Dabei sind die Angaben Bakus zum

Chodschali-Massaker höchst fragwürdig

und halten keiner Prüfung stand.

Die armenische Seite behauptet, daß

das Massaker von Baku selbst zu verantworten

sei. Aserbaidschan habe sich zunächst

geweigert, das belagerte Chodschali

zu evakuieren – trotz mehrfacher

Angebote und Aufforderungen der armenischen

Streitkräfte. Als nach der Eroberung

der Stadt ein Korridor unter

armenischer Kontrolle zur Evakuierung

aserbaidscha nischer Zivilisten gebildet

worden war, hätten sich aserbaidschanische

Soldaten unter die Zivilisten gemischt

und immer wieder die armenischen

Truppen angegriffen, was zu

chaotischen Szenen im Flüchtlings treck

geführt habe. Aserbaidschan habe alles

unternommen, um den „humanitären

Korridor“ zu behindern, so die Armenier.

Diese Version wird sogar ausgerechnet

vom damaligen aserbaidscha nischen

Verwaltungschef von Chod schali unterstützt

– in Baku gilt er daher als „Ver

räter“.

Es ist auch unbestritten, daß das von

Aserbaidschan als Beweis präsentierte

Bildmaterial manipuliert wurde. Fotound

Filmaufnahmen verschiedener

Journalisten beweisen, daß die Toten

des angeblichen armenischen Massakers

im Nachhinein für das aserbaidschanische

Fernsehen „präpariert“ wurden.

Unmittelbar nach dem 27. Februar

1992 zeigten die Aufnahmen der Toten

keinerlei Spuren von Mißhandlungen,

doch als Anfang März Aserbaidschan

seine eigenen Bilder um die Welt schickte,

waren die toten Männer plötzlich

skalpiert und die Frauen und Kinder

nackt und teilweise verstümmelt. Andere

von Baku in Umlauf gebrachte Fotos

von „Chodschali-Opfern“ zeigten in

Wirklichkeit Leichen nach einem Erdbeben

in der Türkei. Doch obwohl diese

Manipulationen inzwischen bekannt

sind: In Washington, Paris, London und

auch Berlin ist man bis heute schockiert

über die „Brutalität der Armenier“. Und

wer gar in Aserbaidschan die offi zielle

Version des „Chodschali-Massakers“

bestreitet, riskiert hohe Strafen. Ein

aserbaidschanischer Journalist wurde

für seine „Chodschali-Leugnung“ von

einem Gericht zu achteinhalb Jahren

Haft und umgerechnet 230.000 US-Dollar

Strafe verklagt. „Chodschali“ wurde

längst zur Staatsräson in Baku – und

nun auch in Berlin?

Beim gemeinsamen Stelldichein mit

den Diplomaten aus Baku lassen sich

die deutschen Ehrengäste jedenfalls

nicht lange bitten. Honorarkonsul und

CDU-Mann Otto Hauser – als ganz offi

zieller Interessenvertreter Bakus – versicherte

den aserbaidschanischen Diplomaten:

„Deutschland und der Deutsche

Bundestag sind sich der schwierigen

Situation, in der sich Aserbaidschan

befi ndet, bewußt, und es besteht

ein großer Wunsch zur Lösung dieses

dauerhaften Konfl ikts.“

Bundestagsvizepräsident Eduard

Oswald setzt noch einen drauf: „Die Ereignisse

in Chodschali und der Krieg

um Berg-Karabach sind tiefe Wunden

im nationalen aserbaidschanischen Gedächtnis,

und ich teile Ihre Trauer um

die vielen tausend Toten, um die Auslöschung

ganzer Familien, um den Verlust

von Heimat. Die Besetzung ganzer

Landesteile durch ausländische Truppen,

Vertreibung und Trennung sind

ein Trauma, welches zu überwinden die

Kraft von Generationen kosten wird.“

Oswalds Rede scheint geradezu grotesk,

denn seine Trauerbekundungen für die

deutschen Verluste nach dem Zweiten

Weltkrieg (Verlust von Heimat, Besetzung

ganzer Landesteile, Vertreibung)

fallen bis heute eher spärlich aus. Oswalds

Trauerrede kommt am Ende zum

eigentlichen Punkt: Er spricht über die

seitens der EU „hochbegehrten Rohstoffe“

Aserbaidschans.

Mit CDU-Außenpolitiker Philipp

Mißfelder wird es ganz und gar politisch:

Es dürfe nicht zu einer „Verfestigung

oder sogar Verschlechterung des

Status Quo“ – gemeint ist die Existenz

der Republik Berg-Karabach und deren

eventuelle internationale Anerkennung

– kommen. Denn Chodschali, heute

eine Stadt in Berg-Karabach, bemüht

sich um die Wiederinbetriebnahme seines

Flughafens. Doch hierfür braucht es

die internationale Zustimmung. Baku

will dies um jeden Preis verhindern.

Mißfelder klingt wie ein Lautsprecher

der aserbaidschanischen Regierung,

wenn er in Berlin sagt: „Damit wird eine

rote Linie überschritten!“ Die Diplomaten

aus Aserbaidschan sind begeistert.

Doch woher kommt die heiße Zuneigung,

die Baku vor allem aus den

Reihen der CDU/CSU entgegenschlägt?

Aserbaidschan versteht es seit Jahren,

sich seine Lobby in der deutschen Politik

bei Laune zu halten. Baku lockt mit

lukrativen Angeboten, und nur selten

können die christdemokratischen Spesenritter

den Verlockungen widerstehen.

Der Koblenzer CDU-Bundestagsabgeordnete

Michael Fuchs kassierte

für einen einzigen Vortrag in der aserbaidschanischen

Botschaft zwischen

3.500 und 7.000 Euro, im Februar 2012

jettete er nach Baku und versprach dort

– ganz Außenpolitiker –, die deutschaserbaidschanische

Zusammenarbeit

weiter ausbauen zu wollen. CSU-Mann

Michael Glos wiederum sitzt im Beirat

der PR- und Beratungsfi rma Consultum

Communications, die vor dem

Schlagerwettbewerb „Eurovision Song

Contest“ das Image Bakus in Deutschland

verbessern sollte. Glos nahm 2011

an einer Feier zum 20. Jahrestag der Unabhängigkeit

Aserbaidschans in Berlin

teil, später feierte er nochmals in Baku

– auf Einladung der aserbaidschanischen

Regierung (siehe ZUERST!

12/2012).

Anfragen zu dieser eigentümlichen

Beziehung von Unionspolitikern zu

Aserbaidschan bleiben meist unbeantwortet.

Auch im Konrad-Adenauer-

Haus will man sich zu dieser Liaison

ungern äußern. Eine telefonische Anfrage

von ZUERST! wurde von einem

CDU-Mitarbeiter mit der kurzen Aussage

abgespeist, daß „gute Beziehungen

zwischen Berlin und Baku doch vor allem

im europäischen und damit auch

im deutschen Interesse“ seien, lautet die

naive Antwort.

Dabei ist das Motiv der politischen

Elite Bakus, sich gerade in Berlin „einzukaufen“,

gar nicht so unklar. Denn

das Land ist für jeden Menschenrechtsaktivisten

der reinste Horror: Aserbaidschan

gilt als autoritär regiertes Land,

Präsident Ilham Alijew wird von ausländischen

Diplomaten immer wieder

als „Mafi a-Pate“ bezeichnet. Gegner

„verschwinden“ schon mal einfach. Bei

Wahlen wird regelmäßig manipuliert,

die Opposition wird eingeschüchtert.

In den Gefängnissen sitzen politische

Gefangene, auf der Pressefreiheits-

Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“

rangiert die Kaukasusrepublik selbst

hinter Afghanistan. Im Vergleich zu

Aserbaidschan erscheint Todfeind Ar

menien geradezu wie ein demokratischer

Garten Eden.

Pikanterweise ist es in Deutschland

vor allem die CDU/CSU, die sich ausgerechnet

mit Menschenrechtsargumenten

immer wieder gegen eine deutschrussische

Annäherung in Stellung

bringt. Auch wenn es um den Handel

mit China geht, schulmeistern Unionspolitiker

die chinesische Führung. Bei

Aserbaidschan scheint die Kritik verstummt

zu sein – Ilham Alijew mag

kein Demokrat sein, aber dafür beherrscht

er das Instrument der Propaganda

perfekt. Und dazu gehört eben

auch die großangelegte „Chodschali-

Kampagne“ in Deutschland.

Nachhilfe in Außenpolitik gibt es indessen

ausgerechnet aus Rußland. Der

Moskauer Politanalyst Leonid Savin

kann über jene deutschen Politiker, die

sich von Baku einspannen lassen, nur

den Kopf schütteln. Dennoch wundert

er sich nicht darüber, daß Aserbaidschan

bei der CDU einen Stein im Brett

hat: „Baku hat die immensen Erträge

des Ölexports stets dafür genutzt, sein

politisches Image aufzupolieren.“ Deshalb,

so Savin im Gespräch mit ZUERST!,

sei Baku zwar eine glitzernde Metropole

mit exzellenter Infrastruktur, andererseits

gebe es aber regelmäßig Unruhen

und Aufstände, die die Regierung niederschlagen

lasse. „Denn beim Volk

kommt vom Ölreichtum nichts an”, so

Savin. Noch wichtiger: Aserbaidschans

Präsident Alijew sei ein treuer Gefolgsmann

der USA, die Beziehungen zu

Rußland würden sich hingegen stetig

verschlechtern. Dafür sei man in Baku

mit der Türkei eng verbandelt, das

NATO-Land unterstützt auch das aserbaidschanische

Militär. Armenien wie-

derum

stehe an Rußlands Seite und unterhalte

gute Beziehungen zum Iran,

erklärt Savin. Zu Ankara bestehe hingegen

ein sehr frostiges Verhältnis –

nicht zuletzt wegen des türkischen Völkermords

an den Armeniern in der Vergangenheit.

Für Savin ist auch klar: „Wer sich im

Kaukasus wirtschaftlich betätigen

möchte, kommt an Moskau nicht vorbei.

Denn der Kaukasus gehört ganz offi

ziell zur russischen Interessensphäre.“

Das gelte auch für Aserbaidschan.

„Aserbaidschan kann blockiert werden“,

stellt Savin gegenüber ZUERST!

trocken fest. Das letzte Wort liege bei

Kaukasus-Angelegenheiten eben bei

Moskau und nicht Baku. „Sehen Sie,

mit einfachen migrationspolitischen

Instrumenten geht das schon: In Rußland

leben drei Millionen Aserbaidschaner

– und in Aserbaidschan selbst

gibt es eine starke pro-russische Opposition,

die nicht schläft.“

Bei der CDU/CSU scheint man von

solchen Erkenntnissen noch weit entfernt

zu sein. Dort freut man sich noch

über die kleinen Aufmerksamkeiten aus

Baku und läßt sich für die aserbaidschanische

Chodschali-Kampagne einspannen.

Ein allerletzter Anruf bei der CDUArbeitsgruppe

für Auswärtiges, der

Philipp Mißfelder vorsitzt. Die Fragen:

Hat man sich dort denn schon einmal

mit dem Chodschali-Massaker inhaltlich

beschäftigt? Kann es sein, daß alles

vielleicht ganz anders war, als Baku behauptet?

„Eine solche Frage zu stellen,

ist bereits zynisch“, bellt ein CDU-Mitarbeiter.

In Baku knallen derweil die

Sektkorken. Mission erfolgreich.

MANUEL OCHSENREITER


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