Mordfall Nemzow: Hintermänner im ukrainischen Geheimdienst?

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Wilhelm Dietl spricht über den Mordfall Boris Nemzow

Neues zum Mordfall Boris Nemzow

Hintermänner im ukrainischen Geheimdienst?

Von Ruedi Strese

Quelle: Nortexa.de

Berlin – Die Investigativ-Gruppe Ost Objektiv sieht hinter dem im Februar 2015 stattgefundenen Mord an dem liberalen russischen Oppositionspolitiker einen ausgeklügelten Plan verantwortungsloser Kräfte im ukrainischen Sicherheitsdienst. Ein falsches Model und eine Spur, die über Tschetschenien nach Moskau weisen sollte, gehörten zu den zentralen Bestandteilen eines Geschehens, welches dazu gedacht war, den russischen Staat ins Wanken zu bringen.

Details zur Deutung von Ost Objektiv gab es nun auf einer Pressekonferenz in Berlin-Mitte zu hören. Da die Mitglieder der Gruppe, der „ehemalige Entscheidungsträger der Bundesrepublik Deutschland“ angehören, „aus Rücksichtnahme auf ihre in Verantwortung stehenden Kollegen vorerst noch keine öffentliche Bekanntheit wünschen“, so die Pressemitteilung, wurde stellvertretend der bekannte Journalist und Geheimdienstexperte Wilhelm Dietl, der bereits für Stern, Spiegel und Focus (und den BND) tätig war, mit der Präsentation beauftragt. Dietl nannte als generelle Motivation von Ost Objektiv die Sorge wegen der unsachlichen Berichterstattung über Rußland, der aktuelle Bericht zum Fall Nemzow werde vorgestellt, „damit die Planer dieses perfiden Verbrechens nicht das letzte Wort haben“.

Nach der sattsam bekannten Version war Boris Nemzow, Vertreter der liberalen Opposition gegen die Regierung Putin, am 27.2.2015 mit seiner Freundin unterwegs, als er aus einem Auto erschossen wurde, ausgerechnet vor dem Kreml. Als Haupttäter verhaftet wurde ein Tschetschene, damit sollte nach dieser Fassung die Spur zu Unrecht in islamistische Kreise gelegt werden. Der Täter kam jedoch aus dem Umfeld des moskaufreundlichen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, was als Hinweis darauf gewertet wird, daß sich die Hintermänner im Kreml befänden. Schließlich sei Nemzow ein bekannter Gegner Putins gewesen und habe am 1. März eine große Demonstration gegen diesen leiten wollen, und nur knapp vorher sei er erschossen worden. Kurz: nach dieser gängigen Theorie klebe das Blut Nemzows letztlich an den Händen Wladimir Putins.

Für die russischen Ermittler war Nemzows Freundin Durizkaja allerdings bereits früh nicht nur eine Zeugin, sondern auch eine Verdächtige. So gab es Widersprüche zwischen ihrer Aussage, Nemzow habe kein Fahrzeug nehmen, sondern laufen wollen, während Zeugen zufolge Durizkaja auf dem Spaziergang bestanden habe. Warum hat der Mörder nicht auch die Zeugin Durizkaja beseitigt? Sie habe sich auch geweigert, sich einem Lügendetektortest zu unterziehen, wollte nicht in das russische Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden und nach dem Geschehen schnellstmöglich zurück in ihre ukrainische Heimat.

Die neuesten Erkenntnisse stützen jetzt eine Interpretation, nach der Durizkaja Teil des Komplotts gewesen sei und Nemzow absichtlich in die Schußlinie seiner Mörder geführt habe. Betont wurde ihr für ein Model ungewöhnliches Verhalten; drei Jahre sei sie bereits mit Nemzow liiert gewesen und habe die Beziehung geheimgehalten, anders, als in solchen Kreise üblich, wo Liaisons mit bekannten Persönlichkeiten als Eintrittskarte in die High Society genutzt werden. Zudem habe sie vermieden, Nemzows Beerdigung beizuwohnen und dies mit Abscheu vor Medienrummel begründet. Als Zeugin erreichbar ist sie nicht mehr ohne Weiteres, sie steht nun unter dem Schutz der ukrainischen Sicherheitsbehörden.

Doch was ist mit der tschetschenischen Spur? Der als Haupttäter festgenommene Saur Dadajew belastet sich selbst nicht nur mit der Tat, sondern auch mit deren Ausführung und Planung, womit er eine weit höhere Haftstrafe auf sich nimmt als nur als „ausführender Täter“. Einer Variante der Kreml-Theorie zufolge sei Michail Kassjanow, ehemaliger Ministerpräsident der ersten Präsidentschaft Putins, der Auftraggeber gewesen. Ost Objektiv fragt hingegen, warum Dadajew diesen dann schützen und die Schuld auf sich laden sollte und stellt dem entgegen, daß es wahrscheinlicher sei, den Auftraggeber unter den exiltschetschenischen Dschihadisten zu suchen. Dadajew schützt danach somit tatsächlich seine eigenen Leute – und möglicherweise auch seine Angehörigen.

Dazu paßt, daß Achmed Sakejew von der tschetschenischen Exilregierung in London im Zusammenhang mit dem Mordfall Nemzow von Tschetschenen, „die die Ukraine unterstützen“ spricht. Tatsächlich haben tschetschenische Kämpfer im Konflikt um die Ostukraine auf beiden Seiten gekämpft. Ost Objektiv liefert eine Kette von Verbindungen zwischen den tschetschenischen Dschihadisten auf ukrainischer Seite und der Exilregierung in London sowie der Gruppe um Dadajew.

Issa Munajew, Gründer des tschetschenischen Bataillons Dschochar Dudajew, kommt dabei als Verbindungsmann zwischen der Exilregierung und den Nemzow-Mördern in Frage. Einen Monat vor der Ermordung Nemzows, am 1. Februar, starb er. Nach offizieller Darstellung bei Gefechten um die ostukrainische Stadt Debalzewo. Tschetscheniens Präsident Kadyrow stellte hingegen die Behauptung auf, der ukrainische Sicherheitsdienst SBU und die CIA hätten sich auf die Eliminierung Munajews verständigt. Wurde hier möglicherweise ein Beteiligter des Komplotts von ukrainischem Sicherheitsdienst und tschetschenischen Islamisten präventiv beseitigt?

Ost Objektiv betont, daß es sich in ihrer Version nicht um einen Auftrag der ukrainischen Regierung gehandelt habe, sondern, daß die verantwortliche Gruppe im Sicherheitsdienst auf eigene Rechnung vorgegangen sei. Ziel sei gewesen, durch den Tod Nemzows Unruhen in Rußland zu erzeugen (einen „Moskau-Maidan“), um Rußland zu schwächen und die Lage für die Kiewer Truppen im Kampf um die abtrünnigen Gebiete der Ostukraine zu verbessern.

Die technisch einwandfreie Ausführung deutet auf einen professionellen Geheimdienst hin. Dem steht jedoch eine gravierende politische Fehleinschätzung gegenüber. Allgemein existiert die liberale Opposition in Rußland vor allem für die westlichen Kameras, ihre Verankerung im Volk kann getrost vernachlässigt werden. Auch Nemzow war in den letzten Jahren eine marginale Erscheinung, dessen Beseitigung dem Großteil des russischen Volkes recht gleichgültig gewesen sein dürfte. Die russische Regierung hatte einfach nichts vom Tod Nemzows. Die ukrainischen Kreise hätten hingegen durchaus etwas davon gehabt – wenn die Opposition in Rußland so stark gewesen wäre, wie sie in den antirussischen ukrainischen Medien dargestellt wird.

Aufklärungsarbeit wie jene von Ost Objektiv scheint jedenfalls dringend nötig, denn Nemzow wird auch über ein Jahr nach seinem Tod noch durch das Potemkinsche Dorf getrieben. Daß der Politiker in Rußland nach einem klassischen Begriffsverständnis nicht zu Unrecht als Landesverräter eingestuft wurde, ist die eine Seite. So gehörte er zu Boris Jelzins engsten Gefolgsleuten und war für die „marktwirtschaftlichen Reformen“ (den Ausverkauf des Landes) wesentlich mitverantwortlich; nach Aussagen eines seiner Gesinnungsgenossen, des Schriftstellers Wiktor Wladimirowitsch Jerofejew, war er dem Westen 2014 sogar bei der Erstellung der Personenlisten für die Sanktionen gegen Rußland behilflich.

Die andere Seite ist, daß sein Name auch heute seitens transatlantischer Extremisten für antirussische Propaganda genutzt wird. Von Deutschland aus setzt seine Tochter Schanna (oder Zhanna) Nemzowa die Aktivitäten für eine „offene Geselschaft“ fort, der Spiegel widmete ihr im März einen entsprechenden Artikel. Von der durch Zhanna Nemzowa gegründeten Boris-Nemzow-Stiftung wurde in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung im Juni 2016 erstmals ein Boris-Nemzow-Preis verliehen, „für Mut im Kampf für demokratische Rechte in Russland“. Erhalten hat ihn Lew Schlossberg, ein liberaler Lokalpolitiker und Journalist, der in seiner Dankesrede pflichtschuldigst die Legende weiterpflegte, Nemzow sei „für seine politischen Überzeugungen“ ermordet worden.

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