Aus „Junge Welt“ vom 28 Juni 2023
EVG übt Kniefall
Schon wieder: ein Kotau. Nicht einfach, die Contenance dabei zu wahren. Der DGB-Eisenbahnergewerkschaft EVG eilt längst der Ruf voraus, vor allem eins zu sein: handzahm und konfliktscheu. Prompt bestätigt am Mittwoch abend durch den Schlichterspruch im lauen Tarifsparring zwischen DB AG und EVG. Was besagt das Sprüchlein? Im Kern ein zweistufiges Entgeltplus von 410 Euro für die meisten Kolleginnen und Kollegen bei einer Laufzeit von 25 Monaten. Mickrig, bestenfalls, trotz einmaliger »Inflationsausgleichsprämie«. Weil weit entfernt von der ursprünglichen Forderung: Minimum 650 Euro bei maximal zwölf Monaten. Und, noch ärger, die »Empfehlung« aus der Schlichterei weicht nur geringfügig ab vom letzten DB-Tarifangebot (400 Euro, 27 Monate Laufzeit).
Einigermaßen blamabel für den EVG-Chefverhandler Kristian Loroch. Der es indes versteht, wortakrobatisch die Schlappe, sprich den ausgedealten Reallohnverlust, umzudeuten; der Schlichterspruch sei nur »augenscheinlich nah dran« am DB-Angebot. Soso. Folglich wünscht sich Loroch Zustimmung durch Bundesvorstand und Belegschaft.
Mal ehrlich, was sind Tarifforderungen wert, wenn Gewerkschaftsbosse nonchalant ihr eigenes Ding drehen? Klar, werden jetzt einige einwenden, Forderungen sind keine Ergebnisse. Stimmt wohl. Aber: Wann wollen sich durch Arbeiter alimentierte Funktionäre gerademachen, wenn nicht in der Krise? Zumal die Belegschaft seit Ende Februar mobilisiert worden war, zwischendrin ein bisschen Warnstreik lief. Für was bloß?
Okay, Schnitt. Und kurz Luft holen, noch bleibt ein wenig Zeit zum Opponieren. Am Freitag tagen die EVG-Oberen. Unter ihnen dürfte kaum Widerspruch zum »Kompromissvorschlag« laut werden. Eher bei der Urabstimmung. EVGler befinden bis Ende August darüber. Nur, die Hürden sind bekanntlich verdammt hoch, drei Viertel von ihnen müssten gegen das sehr wahrscheinliche Abnicken des Bundesvorstands votieren. Die Folge wären Streiks; unbefristete, keine Kurzzeitausstände. So hatten es Loroch und Co. angekündigt. Ein schöner Traum, kaum mehr. Den Vorstehern aus der Gewerkschaftszentrale würde bestimmt ein Kniff einfallen, Bahn und Busse nicht lahmlegen zu müssen. Das können sie.
Eine Restvision – trotz akuter Behandlungsgefahr – bleibt. Hey Kolleginnen und Kollegen, vielleicht mal was Untergründiges probieren, eine Art revolutionäre Gewerkschaftsopposition auf die Schiene bringen. Rabatz, temporär zumindest. Eskalieren statt schlichten also. Hauptsache: Kein Kotau!

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