Berliner Kurier vom 08.03.2026 von Jana Hollstein
Tausende feiern wieder
Wie in der DDR: Jugendweihe boomt in Berlin und Brandenburg
Immer mehr Jugendliche in Berlin und Brandenburg feiern Jugendweihe oder Jugendfeier. Für viele Familien ist es ein emotionaler Schritt ins Erwachsenwerden.
Ein paar Jellycat-Plüschtiere stehen noch im Regal, ansonsten erinnert nur noch wenig Spielzeug an die Kindheit: Matilda Zachäus verwandelt ihr Zimmer schon seit längerem in ein Jugendzimmer. Für die 14‑Jährige aus Berlin-Mahlsdorf wird sich am 30. Mai einiges verändern. „Das wird so ein Tag für mich“, sagt sie. „Mein Tor ins Erwachsenwerden.“ Es ist der Tag ihrer Jugendfeier.Für Matilda und ihre Eltern war die Entscheidung klar. „Ich bin nicht gläubig und stehe mit keiner Religion in Verbindung. Deshalb passt die Jugendfeier besser zu mir“, sagt sie. Die Familie richtet im Garten eine große Feier aus, mit Zelten und vielen Gästen. „Ich merke, wie viel Mühe sich meine Eltern jetzt schon geben. Und wenn man von älteren Freunden hört, dass das immer ein richtiges Highlight war, dann bin ich sehr gespannt“, erzählt die Achtklässlerin.Matilda ist eine von fast 8500 Jugendlichen, die 2026 in Berlin und Brandenburg an einer Jugendfeier teilnehmen werden. Die Zahl wächst seit Jahren, berichtet Katrin Raczynski, Vorstandsvorsitzende des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg.Dass eine Jugendweihe oder Jugendfeier nicht überall selbstverständlich ist, erlebt Ole Wolf aus Berlin-Lichtenberg. Der 13-Jährige, der im Mai seine Jugendweihe feiern wird, hat sich in seiner Klasse umgehört – mit überraschendem Ergebnis: „Manche wussten nicht mal, was Jugendweihe ist“, sagt er. „Viele in meiner Klasse machen gar nichts. Manche kommen aus dem asiatischen Raum und sind nicht hier aufgewachsen. Deshalb wissen sie vielleicht gar nicht, dass es dieses Fest gibt.“Die Jugendweihe und die spätere Jugendfeier haben eine lange Tradition. Bereits 1889 fand in Berlin die erste proletarische Jugendweihe statt, erklärt Raczynski. Es war eine klare Abgrenzung von kirchlichen Festen wie Firmung und Konfirmation. Im 20. Jahrhundert durchlief das Ritual mehrere politische Brüche – besonders in der DDR, wo es staatlich organisiert und ideologisch aufgeladen wurde. Nach 1990 trafen Ost- und West‑Traditionen wieder aufeinander. Der Begriff „Jugendfeier“ entstand, um die humanistische, weltliche Ausrichtung zu betonen.Familien begründen ihre Entscheidung oft mit Traditionen, erzählt Raczynski: Eltern oder ältere Geschwister haben selbst eine Jugendweihe, Jugendfeier oder Konfirmation erlebt. Hinzu kommt, dass viele Eltern das Fest als „letzte große Familienfeier“ sehen, bevor die Jugendlichen ihren Abschluss selbst gestalten.Wie bei Konfirmationen spielt für einige Jugendliche auch der finanzielle Aspekt eine Rolle. Matilda sagt: „Ich möchte gerne sparen — für den Führerschein oder vielleicht ein Auslandsjahr. Da kommt bestimmt eine ordentliche Summe zusammen.“ Ole sieht es ähnlich: Geschenke seien schön, sagt er, „aber größtenteils ist es die Feier selbst, dieses Ritual mit der Familie“, das ihm wichtig sei.

Hinterlasse einen Kommentar