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Junge Welt vom 04.10.2024

»Meister des Widerstandes«

Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah war lange Zeit einer der beliebtesten arabischen Politiker überhaupt. Ein NachrufVon Karin Leukefeld

Die Entmenschlichung des Gegners ist Teil jeder Kriegspropaganda. Die Äußerungen von Medien und Politikern über den Tod von Hassan Nasrallah sagen nichts über den Generalsekretär der libanesischen Hisbollah, aber viel über seine Gegner aus. Allen voran charakterisieren sie Israel und diejenigen, die es unterstützen.

Das israelische Onlinemedium Times of Israel veröffentlichte eine »Chronologie des Bösen«. Nasrallahs Tod beende »drei Jahrzehnte einer weltweiten Blutspur«. »Hisbollah-Chef«, »Terrorchef«, »Marionette und Spion des Irans«, Anführer einer »Proxymiliz« – in deutschen Medien wurde besonders viel Verachtung über den langjährigen Hisbollah-Generalsekretär und muslimischen Geistlichen ausgeschüttet. Im syrischen Idlib, das von Al-Qaida-Kräften kontrolliert wird, wurde auf den Straßen getanzt, Süßigkeiten wurden verteilt und Beifall geklatscht, als die Nachricht von seiner Ermordung eintraf.

Der 1960 geborene Hassan Nasrallah – von Freunden und Weggefährten »Meister des Widerstandes« genannt – war zeit seines Lebens Zeuge von Massakern, der Entmenschlichung seiner Landsleute und der Verwüstung des Libanons. Er widersetzte sich dem unmenschlichen Hegemonialstreben, in dem Israel es mit eiserner Unterstützung der USA zur Meisterschaft gebracht hat. Seine Solidarität galt immer den Palästinensern.

Hassan Nasrallah wuchs in Burdsch Hammud unweit des Hafens von Beirut auf. Sein Vater hatte ein Lebensmittelgeschäft, er selbst war das älteste von neun Kindern. Das Zuhause der Familie war in Karantina, einem Gebiet, das 1831 für Schiffsreisende, die in Beirut ankamen, als Quarantänestation eingerichtet worden war. 1915 wurden dort armenische Flüchtlinge angesiedelt, nach der gewaltsamen Gründung Israels 1948 vertriebene Palästinenser aufgenommen. Später kamen Libanesen aus dem Süden und arabische Stammesvertriebene hinzu, Kurden aus der Türkei und Syrer.1975 begann der Libanesische Bürgerkrieg, der sich gegen die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) richtete, die aus Jordanien vertrieben worden war und von Israel und dessen Verbündeten im Libanon bekämpft wurde. 1976 verübten die Phalangisten der »Libanesischen Kräfte« ein Massaker in Karantina. 1.500 Menschen wurden ermordet, und das Lager wurde in Brand gesetzt.

Nasrallah schloss sich der Amal-Bewegung an, einer schiitischen bewaffneten Gruppe. Er verbrachte einige Zeit im irakischen Nadschaf und im Iran, wo er auch von dem irakischen schiitischen Geistlichen Mohammad Bakir Al-Sadr unterrichtet wurde. Nach seiner Rückkehr trennte er sich von Amal und gründete 1982, bald nach dem Einmarsch Israels in den Libanon, mit anderen eine neue Organisation, die Islamische Amal-Bewegung. Nasrallah wurde Zeuge des Massakers an den Bewohnern der palästinensischen Lager Sabra und Schatila 1982, das unter Aufsicht der israelischen Armee und ihres Generals Ariel Scharon von den Phalangisten verübt wurde. Mitte der 1980er Jahre wurde aus der Islamischen Amal die Hisbollah, die an der Seite der stark von kommunistischen Studenten bestimmten libanesischen Nationalbewegung gegen die israelische Besatzung und ihre US-Helfer kämpfte. Die Organisation wurde von den iranischen Revolutionsgarden unterstützt.

1992 wurde Nasrallah Generalsekretär der Hisbollah, nachdem sein Vorgänger Abbas Al-Musawi von der israelischen Armee mit seiner Familie bei einem Hubschrauberangriff ermordet worden war. Nasrallah war 32 Jahre alt. Im Jahr 2000 gelang es der Hisbollah, die israelischen Truppen, die noch immer den Südlibanon besetzt hielten, zur Aufgabe zu zwingen. Hassan Nasrallah und die Hisbollah wurden dafür gefeiert, dass es ihnen erstmals gelungen war, Israel von besetztem arabischem Boden zu vertreiben.

Nasrallah gelang es mit seinen langjährigen Weggefährten, die Hisbollah als Massenorganisation mit militärischem und politischem Flügel auszubauen. Die Partei ist seit Jahren eine feste, zuverlässige Größe im libanesischen Parlament und wird religions- und gebietsübergreifend von Libanesen unterstützt. USA, NATO und EU haben die Hisbollah als »Terrororganisation« gelistet und doch hinter verschlossenen Türen immer den Kontakt zu ihr gesucht.


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Junge Welt vom 30.09.2024…

Trauer um Nasrallah

Nach Tötung von Hisbollah-Generalsekretär kündigen Verbündete Vergeltung an. Israel setzt Angriffe im Libanon fortVon Wiebke Diehl

Die Situation in Nahost ist nach der Tötung des Generalsekretärs der Hisbollah, Hassan Nasrallah, höchst angespannt. Der Iran und Verbündete der Hisbollah drohen mit Vergeltung. Der »Islamische Widerstand im Irak« beschoss am Sonntag die israelische Hafenstadt Eilat, während die israelische Armee, die auch Ziele in Syrien und dem Jemen attackierte, ihre massiven Luftangriffe auf die libanesische Zivilbevölkerung fortsetzte. Nach offiziellen libanesischen Angaben sind allein in den letzten zwei Wochen mindestens 1.000 Menschen bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen, über 6.000 wurden verletzt. Auch die Hisbollah schoss am Wochenende Raketen auf Israel.

Bis zu eine Million Menschen könnten nach Angaben des geschäftsführenden libanesischen Regierungschefs Nadschib Mikati im Zedernstaat auf der Flucht sein. Es handle sich um die »größte Fluchtbewegung in der Geschichte des Landes«. Das Welternährungsprogramm startete einen Hilfseinsatz zur Versorgung der vertriebenen Bevölkerung. Die andauernden israelischen Angriffe erstrecken sich auf den Süden des Landes, die Hauptstadt Beirut und die Bekaa-Ebene. Dort zerstörte die israelische Armee am Samstag gezielt Straßen und Brücken, die den Libanon mit dem Nachbarland Syrien, wohin bisher etwa 50.000 Menschen geflohen sind, verbinden. Zum Ziel wurden außerdem Fabriken, Lagerhäuser, Agrarflächen und erneut Wohngebiete. Der Iran beantragte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats. Deutschland und die USA beschlossen, Familienangehörige des Botschaftspersonals in Beirut, Ramallah und Tel Aviv in Sicherheit zu bringen.Hassan Nasrallah war am Freitag abend während eines Treffens der Hisbollah-Spitze in den südlichen Vororten Beiruts durch einen israelischen Luftangriff, bei dem auch zahlreiche Zivilisten sowie Hisbollah-Kommandeure und ein hochrangiger Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden ums Leben kamen, getötet worden. Der Libanon, Irak und Syrien ordneten drei, der Iran sogar fünf Staatstrauertage an. Laut israelischen Medienberichten setzte die Luftwaffe Bomben mit einem Gewicht von mehr als 80 Tonnen ein. Diese seien von einer Formation von mindestens zehn Kampfjets über dem unterirdischen Hauptquartier der Hisbollah abgeworfen worden. Unter den Geschossen seien auch bunkerbrechende Bomben gewesen. Am Wochenende tötete die israelische Armee weitere hochrangige Hisbollah-Mitglieder.

Benjamin Netanjahu, der den Angriff kurz nach seiner Rede vor der UNO aus seinem Hotelzimmer in New York befehligt haben soll, nannte Nasrallah am Samstag abend in einer Fernsehansprache den »zentralen Motor der iranischen Achse des Bösen« und »Massenmörder«. US-Präsident Joseph Biden sprach von einer »Maßnahme der Gerechtigkeit«. Man werde Israel unterstützen, sich »gegen die Hisbollah, die Hamas, die Huthis und andere vom Iran unterstützte Terrorgruppen zu verteidigen«. Im Libanon, im Nahen und Mittleren Osten und auch darüber hinaus sieht man dies vielerorts ganz anders. So herrschte bis Samstag mittag banges Warten. Als die Hisbollah die bereits zuvor durch die israelische Armee verbreitete Meldung vom Tod Nasrallahs bestätigte, brachen TV-Moderatoren in Tränen aus. Überall im Zedernstaat strömten Menschen auf die Straßen, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Nasrallah hatte die Hisbollah 32 Jahre lang geführt und galt als mächtigster Mann des Libanons.


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Junge Welt Ausgabe 21.09.2024…

Es kann jeden treffen

Hisbollah-Chef schwört Rache nach israelischem Terror und rückt nicht von Unterstützung Gazas ab. Geheimdienstplot hat lange GeschichteVon Karin Leukefeld

Mit Spannung war sie erwartet worden, die Rede von Hassan Nasrallah nach den zwei Explosionswellen von Tausenden Personenrufempfängern, sogenannten Pagern, am Dienstag sowie Walkie-Talkies und Funkgeräten am Mittwoch. Wie zu erwarten, machte der Vorsitzende der libanesischen Hisbollah in seiner Rede am Donnerstag Israel für die Explosionen verantwortlich und schwor Rache. Allerdings fügte er hinzu: »Ihre Art, ihr Umfang, ihr Zeitpunkt und ihr Ort … Das werden wir definitiv für uns behalten.« Nasrallah sprach weiter von einem »Massaker«, das »der israelische Feind« an Tausenden Menschen verübt habe. Die Absicht hinter der gezielten Explosion der zivilen Geräte: Mehr als 5.000 Menschen in wenigen Minuten umzubringen.

Die Zahl der Toten beider Tagen werden vom libanesischen Gesundheitsministerium (Stand Freitag) mit 37 angegeben, darunter auch zwei Kinder. Die Hisbollah meldete den Tod von 20 Mitgliedern durch die beiden Explosionswellen. Mehr als 3.000 Personen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Iran, Irak und Syrien boten medizinische Hilfe an. Patienten mit schweren Augenverletzungen wurden auch nach Damaskus transportiert.

Zweifellos habe man im Bereich der Sicherheit und auf der menschlichen Ebene einen schweren, beispiellosen Schlag erlitten, so Nasrallah. Am Dienstag abend habe man offizielle und inoffizielle Botschaften von Israel erhalten, wonach Ziel der Angriffe sei, dass die Hisbollah ihre Unterstützung für Gaza einstellen solle. Aber im »Namen der Märtyrer und der Verletzten, im Namen derjenigen, die ihre Augen und Hände verloren haben« werde der Widerstand im Libanon nicht aufhören, Gaza zu unterstützen und ihm beizustehen.Nach Berichten der New York Times herrscht weitgehende Übereinstimmung, dass der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad für die Angriffe verantwortlich ist. Allerdings arbeiten die USA und Israel so eng zusammen, dass zumindest auch eine Mitwisserschaft des US-Auslandsgeheimdienstes CIA denkbar ist. Kaum etwas geschieht, was der eine vom anderen nicht weiß. Doch der Mossad kooperiert nicht nur mit der CIA – wie aktuell bei den Verhandlungen für einen Waffenstillstand im Gazastreifen – er hält auch enge Kontakte zu den Geheimdiensten in Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Mossadagenten können mit Ausweispapieren und Pässen anderer Staaten in Ländern agieren, in die israelische Staatsbürger nicht einreisen dürfen. Bekannt wurde das 2010, als ein Mossadkommando den Hamasfunktionär Mahmud Al-Mabhuh in einem Hotelzimmer in Dubai ermordete. Zwölf der 26 eingesetzten Agenten waren damals mit EU-Pässen aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Irland in die Vereinigten Arabischen Emirate eingereist. Drei Agenten hatten australische Pässe.

»Erhebe dich und töte zuerst«, ist ein Motto des Mossad, wie der israelische Autor und Journalist Ronen Bergman in seinem Buch »Rise and kill first« (deutsch: Der Schattenkrieg) beschreibt. Seit Bestehen des Staates Israel haben Mossadagenten demnach mindestens 2.700 Personen gezielt ermordet. Der Spruch ist dem Talmud entnommen, wo es heißt: »Wenn jemand kommt, um dich zu töten, erhebe dich und töte zuerst.« Eingesetzt wurden dafür schon vergiftete Zahnpasta, bewaffnete Drohnen, explodierende Mobiltelefone, Ersatzreifen mit einer Fernzünderbombe oder manipulierte Autos wie bei Wissenschaftlern im Iran. Britische Politiker wurden ebenso schon ermordet wie Vertreter von Hamas, Hisbollah und der PLO, schreibt Bergman. Zu den Agenten, die vor der israelischen Staatsgründung in Vorläuferorganisationen des Mossad aktiv waren, zählten hochrangige israelische Politiker wie Menachem Begin, Jitzak Shamir, Ehud Barak und Ariel Sharon.

Die massenhafte Detonation von Alltagsgegenständen wie Mobiltelefonen, Walkie-Talkies oder Pagern sollte allen zu denken geben, die Geschäfte mit Israel machen oder gar entsprechende Manipulationstechnik wie künstliche Intelligenz im Rüstungsbereich in Auftrag geben oder selber entwickeln. Es kann jeden treffen.


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Junge Welt vom 16.09.2024….

Jemenitische Rakete auf Israel

Ansarollah weiten Angriffe aus, Netanjahu kündigt harte Reaktion anVon Ina Sembdner

Der Angriff hat sein Ziel offenbar nicht verfehlt. Nachdem die jemenitischen Ansarollah eine nach eigenen Angaben neue ballistische Hyperschallrakete am Sonntag morgen auf Zentralisrael abgefeuert haben, kündigte Premierminister Benjamin Netanjahu eine harte Reaktion an. Die »Huthi« hätten eigentlich wissen müssen, dass jeder, der versuche, Israel Schaden zuzufügen, einen hohen Preis dafür zahlen müsse, sagte er nach Angaben seines Büros während der wöchentlichen Kabinettssitzung. »Wer eine Erinnerung braucht, kann gerne den Hafen in Hodeida besuchen«, sagte Netanjahu. Nach einem tödlichen Drohnenangriff der Ansarollah auf Tel Aviv hatte die israelische Luftwaffe den jemenitischen Hafen im Juli angegriffen. Es kam dort zu einem Großbrand, sechs Menschen wurden getötet. »Jeder, der uns angreift, wird unserer Faust nicht entkommen«, sagte Netanjahu weiter.

Die Ansarollah greifen seit Beginn des Krieges in Solidarität mit den kämpfenden Palästinensern vor allem Schiffe aus Israel oder mit Verbindungen dazu im Roten Meer an. Zu dem jetzt erfolgten Angriff auf einen Militärposten im Gebiet Jaffa bei Tel Aviv hieß es in einer Erklärung: Die Rakete »legte eine Strecke von 2.040 Kilometern in 11,5 Minuten zurück«, mehr »als zwei Millionen Zionisten« hätten »zum ersten Mal in der Geschichte des israelischen Feindes Schutzräume aufgesucht«. Die Rakete habe »erfolgreich ihr Ziel erreicht«, ohne dass »die feindliche Abwehr« sie abgefangen habe. Nach Angaben der israelischen Armee war die Rakete in der Luft auseinandergebrochen. Raketenteile seien in einem Bahnhof in der Stadt Modiin zwischen Tel Aviv und Jerusalem sowie auf offenem Gebiet eingeschlagen. Südöstlich von Tel Aviv sei es dabei zu einem Brand gekommen. Laut dem israelischen Rettungsdienst Magen David Adom wurden beim Aufsuchen der Schutzräume neun Menschen leicht verletzt.Zuvor waren erneute Tausende Israelis am Samstag abend auf die Straßen gegangen, um Verhandlungen über eine Waffenruhe und eine Freilassung der noch im Gazastreifen verbliebenen Geiseln zu fordern. In Tel Aviv wurde eine etwa halbminütige Tonaufnahme eines israelischen Soldaten abgespielt, die vor Kurzem im Gazastreifen gefunden worden war. Darin fordert auch er einen Austausch der Geiseln mit in Israel inhaftierten Palästinensern.


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Junge Welt vom 14.09.2024…von Martin Weiser

Wirtschaft wichtiger als Atomwaffen

Nordkoreas Staatschef betont Verteidigungscharakter von Nuklearprogramm und forciert Fabrikbau

Es war das erste Mal: Am Freitag sind in Nordkorea Aufnahmen aus einer der Anlagen für Urananreicherung veröffentlicht worden. Die Fotos zeigen Staatsoberhaupt Kim Jong Un beim Ablaufen von unzähligen Zentrifugen, in denen das für Nuklearwaffen benötigte Uran-235 angereichert wird. Auf dem letzten Foto sind Hunderte zusätzliche Zentrifugen zu sehen, die nur noch darauf warten, angeschlossen zu werden. Kim erwähnte auch explizit einen neuen Zentrifugentyp, der jetzt benutzt werden solle. Laut diversen Experten befinden sich allein in der besichtigten Halle zwischen tausend und dreitausend Zentrifugen, die im Jahr genug Material liefern würden für Dutzende Atomwaffen. Eine verbesserte Zentrifuge könnte das noch einmal um ein Vielfaches steigern.

Wann Kim in der Anlage zu Besuch war und wo sie sich befindet, ist unklar. Eindeutig ist aber die Intention: Pjöngjang will der Welt zeigen, dass der »exponentielle« Ausbau des eigenen Nukleararsenals keine hohle Phrase ist. Kim versprach bereits im Januar 2023 die Massenproduktion taktischer Atomwaffen. Mehrmals schon zeigten die nordkoreanischen Medien Nuklearraketen und -sprengköpfe. Aber dass auch genügend Uran-235 für all die Waffen auf Lager ist, wurde im Ausland teilweise angezweifelt. Vor wenigen Tagen, zum 76. Jubiläum der Staatsgründung am 9. September, betonte Kim noch einmal, man läge perfekt im Plan. Die Fotos belegen, dass seine Ingenieure in dieser Zeit nicht untätig waren.

Nordkoreanische Medien veröffentlichten am Dienstag anscheinend nicht die komplette Rede zum Nationalfeiertag, vermutlich wegen der schieren Länge. Zur Ansprache waren nur die Führungsriege von Partei, Staat und Militär sowie einige Ausgewählte eingeladen, und manche Details waren offenbar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Das mag auch erklären, warum laut dem offiziellen Bericht auf das Nuklearprogramm nur wenige Sätze verwendet wurden. Kim unterstrich noch einmal, dass es in der Frage der nuklearen Bewaffnung keinerlei Zugeständnisse an den Westen geben werde, und betonte noch einmal den defensiven Charakter dieser Waffen. Nur die nukleare Abschreckung sei für sein Land der Garant für Frieden und Entwicklung. Nur so könne man die nukleare Bedrohung durch die USA und ihre Vasallen kontern. Beim Besuch der Anreicherungsanlage betonte Kim noch einmal, dass diese Länder dabei seien, eine rote Linie zu überschreiten.

Der Großteil der Rede befasste sich hingegen mit den wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes und dem Plan, jedes Jahr zehn Fabriken außerhalb der Großstädte zu bauen. Damit soll das Lebensniveau im ländlichen Raum gehoben werden. Anscheinend erst vor wenigen Wochen entschloss man sich zusätzlich, gleichzeitig auch Gesundheits- und Kultureinrichtungen sowie Getreideverteilstationen in jedem Kreis zu errichten. Über die Verteilstationen werden staatlich subventioniert Grundnahrungsmittel wie Reis und Mais ausgegeben, um Spekulation und Wucher mit diesen wichtigen Versorgungsgütern zu verhindern. Im Februar hatte Kim sich dafür entschuldigt, dass seine Partei die große Kluft zwischen Stadt und Land bisher nicht geschlossen hat, und den Bau der Fabriken im ländlichen Raum mittels einer Politbürositzung forciert. Noch Anfang September war Kim deswegen persönlich im Kreis Hamju, um dort mit den Vorsitzenden der zehn Provinzkomitees der Partei den Bau einer Fabrik für Nahrungsmittel zu begutachten. In seiner Rede zum Nationalfeiertag wies er darauf hin, dass mit etwa hundert Tagen nicht mehr viel Zeit bleibe, um nicht nur den Fabrikbau, sondern auch den Jahreswirtschaftsplan zu erfüllen.


Die Aip gratuliert zum 76. Gründungstag der DVRK

Kaum ein Tag wird in der Demokratischen Volksrepublik Korea größer und auschweifender gefeiert, als der Tag der Staatsgründung am 8. September 1948.

Kein Wunder, legte doch an diesem historischen Datum der siegreiche Held des antijapanischen Befreiungskrieges – der große Führer Genosse KIM IL SUNG – den Grundstein für eine Staat gewordene Utopie, die den werktätigen Menschen und das einfache Volk in den Mittelpunkt stellte und nach Jahren des Leidens vom Joch des Kolonialismus befreite.

Bis heute ist die Demokratische Volksrepublik Korea ein Leuchtfeuer der Freiheit und ein Bollwerk gegen den globalen ausbeuterischen Kapitalismus und seinem extremsten Auswuchs, den brutalen, menschenverachtenden US-Imperialismus. Zu Recht kann das koreanische Volk mit Stolz und Ehrfurcht auf die Leistungen seiner Vorfahren zurückblicken, um im dem gleichen revolutionären Geist tatkräftig und entschlossen die Zukunft zu meistern.

Mit dieser aufrechten und unerschütterlichen Haltung beweist uns das koreanische Volk – über seine Landesgrenzen hinweg – das es einen funktionierenden Gegenentwurf zur zerstörerischen Maschinerie des Kapitalismus gibt. Dieser revolutionäre Geist soll allen fortschrittlichen Völkern der Welt Vorbild sein, um sich letztlich selbst von ihren Fesseln zu befreien.

Die Antiimperialistische Plattform Deutschland steht ganz in dieser Tradition. Auch in diesem Jahr hat die AiP den hohen Nationalfeiertag gewürdigt und das koreanische Volk mit einem strahlenden Blumenkorb beschenkt. Und erneut tritt sie damit in eine Reihe mit den fortschrittlichen Kräften dieser Welt, die sich nicht von westlicher Propaganda beirren lassen und in brüderlicher Verbundenheit zum koreanischen Volk und zur DVRK stehen.

Lang lebe die Demokratische Volkerepublik Korea! Lang lebe die koreanische Revolution!

Bericht der KCNA vom 9. September 2024:

 Zum 76. Gründungstag der DVRK schickten am 8. September das Schweizerische Koreakomitee und Michael Koth, Vorsitzender des Antiimperialistischen Forums Deutschlands, der Leiter der Militärkapelle des Verteidigungsministeriums der Republik Äquatorialguinea Nikolas Ekang Ngema und Berater des Ministeriums für Landwirtschafts-, Viehwirtschafts- und Dorfentwicklung Sandiago Nseng Mengge Mekemesa an den Bronzestatuen von Genossen Kim Il Sung und Kim Jong Il auf dem Hügel Mansudae Blumenkörbe.


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Junge Welt vom 11.09.2024…

DVRK will nukleare Streitkräfte verstärken

Pjöngjang. Nordkoreas Staats- und Parteichef Kim Jong Un hat einen Ausbau des Atomwaffenarsenals seines Landes angekündigt. Sein Land werde die »Nuklearstreitkräfte ständig verstärken, um allen Bedrohungen durch seine nuklear bewaffneten Rivalen gewachsen zu sein«, sagte Kim am Dienstag nach Angaben von staatlichen Medien bei einem Festakt anlässlich des 76. Jahrestags der Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK). Pjöngjang werde sich auch intensiv darum bemühen, »alle Streitkräfte des Staates, einschließlich der Atomstreitkräfte, voll kampfbereit zu machen«, so Kim. (AFP/jW)


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Rotfuchs Ausgabe September 2024…

Der Kollaps des Zionismus

Der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 kann
mit einem Erdbeben verglichen werden, das ein
altes Gebäude erschüttert.
Historisch gesehen gibt es eine Fülle von Faktoren, die einen Staat zum Kentern bringen
können. Er kann durch ständige Angriffe der
Nachbarländer oder durch chronische Bürgerkriege verursacht werden. Er kann die
Folge des Zusammenbruchs der öffentlichen
Institutionen sein, die nicht mehr in der Lage
sind, den Bürgern Dienstleistungen zu erbringen. Oft beginnt er als langsamer Zerfallsprozeß, der sich beschleunigt und in kurzer Zeit
Strukturen zum Einsturz bringt, die einst
solide und standhaft erschienen.
1.
Ein erster Indikator ist die Zersplitterung
der jüdischen Gesellschaft Israels.
Gegenwärtig besteht sie aus zwei
rivalisierenden Lagern, die nicht
in der Lage sind, eine gemeinsame
Basis zu finden. Die Kluft rührt von
den Anomalien der Definition des
Judentums als Nationalismus her.
Während die jüdische Identität in
Israel bisweilen kaum mehr als ein
Gegenstand theoretischer Debatten
zwischen religiösen und säkularen
Gruppierungen zu sein schien, ist
sie nun zu einem Kampf um den
Charakter des öffentlichen Raums
und des Staates selbst geworden.
Dieser Kampf wird nicht nur in den
Medien, sondern auch auf der Straße ausgetragen.
Das eine Lager kann man als den „Staat Israel“
bezeichnen. Es besteht aus eher säkularen,
liberalen und meist, aber nicht ausschließlich,
europäischen Juden der Mittelschicht und ihren Nachkommen, die 1948 maßgeblich an
der Gründung des Staates beteiligt waren
und bis zum Ende des letzten Jahrhunderts
eine hegemoniale Stellung in diesem Staat
innehatten. Ihr Eintreten für „liberale demokratische Werte“ ändert nichts an ihrem
Engagement für das Apartheidsystem, das allen Palästinensern, die zwischen dem Jordan
und dem Mittelmeer leben, auf verschiedene
Weise aufgezwungen wird. Ihr grundlegender
Wunsch ist es, daß die jüdischen Bürger in
einer demokratischen und pluralistischen
Gesellschaft leben, von der die Araber ausgeschlossen sind.
Das andere Lager ist der „Staat Judäa“, der
sich unter den Siedlern im besetzten Westjordanland entwickelt hat. Es erfreut sich
zunehmender Unterstützung innerhalb des
Landes und bildet die Wählerbasis, die Netanjahu den Sieg bei den Wahlen im November
2022 gesichert hat. Ihr Einfluß in den oberen Rängen der israelischen Armee und der
Sicherheitsdienste wächst exponentiell. Der
Staat Judäa will Israel zu einer Theokratie machen, die sich über das gesamte historische
Palästina erstreckt. Um dies zu erreichen, ist
er entschlossen, die Zahl der Palästinenser
auf ein Minimum zu reduzieren, und er erwägt den Bau eines Dritten Tempels anstelle
der al-Aqsa. Ihre Mitglieder glauben, daß sie
damit das goldene Zeitalter der biblischen Königreiche wieder aufleben lassen können. Für
sie sind säkulare Juden ebenso ketzerisch wie
die Palästinenser, wenn sie sich weigern, sich
diesem Bestreben anzuschließen.
Schon vor dem 7. Oktober kam es zu heftigen
Auseinandersetzungen zwischen den beiden
Lagern. In den ersten Wochen nach dem Angriff schienen sie ihre Differenzen angesichts
des gemeinsamen Feindes zu überwinden.
Doch das war eine Illusion. Die Straßenkämpfe sind wieder aufgeflammt, und es ist schwer
vorstellbar, wie es zu einer Versöhnung kommen könnte. Das wahrscheinlichere Ergebnis
zeichnet sich bereits vor unseren Augen ab.
Mehr als eine halbe Million Israelis, die den
Staat Israel repräsentieren, haben das Land
seit Oktober verlassen, was darauf hindeutet,
daß das Land vom Staat Judäa vereinnahmt
wird. Dies ist ein politisches Projekt, das die
arabische Welt, vielleicht sogar die Welt insgesamt, auf Dauer nicht tolerieren wird.
2.
Der zweite Indikator ist die wirtschaftliche
Krise Israels. Die politische Klasse scheint keinen Plan zu haben, um die öffentlichen Finanzen inmitten ständiger bewaffneter Konflikte
auszugleichen, abgesehen davon, daß sie
immer mehr auf amerikanische Finanzhilfe
angewiesen ist. Im letzten Quartal des vergangenen Jahres brach die Wirtschaft um fast
20 % ein; seither ist die Erholung nur noch
schwach. Washingtons Zusage von 14  Milliarden Dollar wird daran wohl kaum etwas
ändern. Im Gegenteil, die wirtschaftliche Belastung wird sich nur noch verschlimmern,
wenn Israel seine Absicht, einen Krieg gegen
die Hisbollah zu führen, in die Tat umsetzt
und gleichzeitig seine militärischen Aktivitäten im Westjordanland ausweitet, während
einige Länder – darunter die Türkei und Kolumbien – bereits Wirtschaftssanktionen verhängt haben.
Die Krise wird durch die Inkompetenz des
Finanzministers Bezalel Smotrich noch
verschärft, der ständig Gelder an jüdische
Siedlungen im Westjordanland weiterleitet,
aber ansonsten unfähig zu sein scheint, sein
Ressort zu führen. Der Konflikt zwischen
dem Staat Israel und dem Staat Judäa sowie
die Ereignisse vom 7. Oktober veranlassen
inzwischen einen Teil der Wirtschafts- und
Finanzelite, ihr Kapital außerhalb des Staates
zu verlagern. Diejenigen, die eine Verlagerung
ihrer Investitionen in Erwägung ziehen, machen einen erheblichen Teil der 20 % der Israelis aus, die 80 % der Steuern zahlen.
3.
Der dritte Indikator ist die zunehmende internationale Isolierung Israels, das allmählich zu
einem Pariastaat wird. Dieser Prozeß begann
bereits vor dem 7. Oktober, hat sich aber seit
dem Beginn des Völkermordes noch verstärkt.
Er spiegelt sich in den beispiellosen Stellungnahmen des Internationalen Gerichtshofs und
des Internationalen Strafgerichtshofs wider.
Zuvor war die weltweite Palästina-Solidaritätsbewegung in der Lage, die Menschen zur
Teilnahme an Boykottinitiativen zu bewegen,
doch gelang es ihr nicht, die Aussicht auf internationale Sanktionen
voranzutreiben. In den meisten
Ländern blieb die Unterstützung
für Israel durch das politische und
wirtschaftliche Establishment unerschütterlich.
Vor diesem Hintergrund müssen die
jüngsten Entscheidungen des IGH
und des IStGH – daß Israel möglicherweise Völkermord begeht, daß
es seine Offensive in Rafah einstellen muß und daß seine Führer wegen Kriegsverbrechen verhaftet
werden sollten – als Versuch gesehen werden, die Ansichten der
weltweiten Zivilgesellschaft zu
berücksichtigen, und nicht als bloße Widerspiegelung der Meinung der Elite. Die Tribunale haben die brutalen Angriffe auf die
Menschen in Gaza und im Westjordanland
nicht gemildert. Aber sie haben dazu beigetragen, daß die Kritik am israelischen Staat
immer lauter wird, und zwar von unten und
auch von oben.
4.
Der vierte, damit zusammenhängende Indikator ist der Wandel unter jungen Juden in
aller Welt. Nach den Ereignissen der letzten
neun Monate scheinen viele nun bereit zu sein,
ihre Verbindung zu Israel und dem Zionismus
aufzugeben und sich aktiv an der palästinensischen Solidaritätsbewegung zu beteiligen.
Jüdische Gemeinden, insbesondere in den USA,
haben Israel einst eine wirksame Immunität
gegen Kritik verschafft. Der Verlust oder zumindest der teilweise Verlust dieser Unterstützung hat erhebliche Auswirkungen auf
das Ansehen des Landes in der Welt. Die AIPAC kann sich zwar immer noch auf christliche Zionisten verlassen, die sie unterstützen
und ihre Mitgliederzahl erhöhen, aber ohne
eine bedeutende jüdische Wählerschaft wird
sie nicht mehr die gleiche beeindruckende Organisation sein. Die Macht der Lobby ist im
Schwinden begriffen.
5.
Der fünfte Indikator ist die Schwäche der israelischen Armee. Es besteht kein Zweifel daran,
daß die IDF eine schlagkräftige Truppe ist, die
über modernste Waffen verfügt. Doch ihreBegrenzungen wurden am 7. Oktober deutlich. Viele Israelis sind der Meinung, daß das
Militär großes Glück hatte, denn die Situation
hätte weitaus schlimmer sein können, wenn
sich die Hisbollah an einem koordinierten
Angriff beteiligt hätte. Seitdem hat Israel
gezeigt, daß es bei der Verteidigung gegen
den Iran dringend auf eine regionale Koalition unter Führung der USA angewiesen ist.
Bei dem [iranischen] Warnangriff im April
wurden rund 170 Drohnen sowie ballistische
und Lenkraketen eingesetzt. Das zionistische
Projekt ist mehr denn je auf die rasche Lieferung riesiger Mengen an Nachschub durch
die Amerikaner angewiesen, ohne die es nicht
einmal eine kleine Guerillaarmee im Süden
bekämpfen könnte.
Die jüdische Bevölkerung Israels ist inzwischen weithin der Ansicht, daß das Land nicht
vorbereitet und nicht in der Lage ist, sich
zu verteidigen. Dies hat dazu geführt, daß
großer Druck ausgeübt wird, die seit 1948
geltende Befreiung von der Wehrpflicht für
ultraorthodoxe Juden aufzuheben und sie zu
Tausenden einzuberufen. Dies wird auf dem
Schlachtfeld kaum einen Unterschied machen,
aber es spiegelt das Ausmaß des Pessimismus
gegenüber der Armee wider – was wiederum
die politischen Spaltungen innerhalb Israels
vertieft hat.
6.
Der letzte Indikator ist die Erneuerung der
Energie unter der jüngeren Generation der Palästinenser. Sie ist weitaus geeinter, organisch
verbunden und sich über ihre Perspektiven
im Klaren als die palästinensische politische
Elite. Da die Bevölkerung des Gazastreifens
und des Westjordanlandes zu den jüngsten
der Welt gehört, wird diese neue Generation
einen immensen Einfluß auf den Verlauf des
Befreiungskampfes haben. Die Diskussionen
unter den jungen palästinensischen Gruppen
zeigen, daß sie sich mit der Gründung einer
wirklich demokratischen Organisation befassen – entweder einer erneuerten PLO oder einer
ganz neuen Organisation –, die eine Vision der
Emanzipation verfolgt, die im Gegensatz zur
Kampagne der Palästinensischen Autonomiebehörde für die Anerkennung als Staat steht.
Sie scheinen eine Ein-Staaten-Lösung dem diskreditierten Zwei-Staaten-Modell vorzuziehen.
Werden sie in der Lage sein, eine wirksame
Antwort auf den Niedergang des Zionismus zu
geben? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Auf den Zusammenbruch eines Staatsprojekts folgt nicht immer eine glänzende
Alternative. Anderswo im Nahen Osten – in
Syrien, Jemen und Libyen – haben wir gesehen, wie blutig und langwierig die Ergebnisse
sein können. In diesem Fall ginge es um die
Entkolonialisierung, und das vergangene
Jahrhundert hat gezeigt, daß postkoloniale
Realitäten nicht immer zu einer Verbesserung
der kolonialen Bedingungen führen. Nur das
Handeln der Palästinenser kann uns in die
richtige Richtung bringen. Ich glaube, daß
eine explosive Verschmelzung dieser Indikatoren früher oder später zur Zerstörung
des zionistischen Projekts in Palästina führen
wird. Wenn es soweit ist, müssen wir hoffen,
daß eine starke Befreiungsbewegung da ist,
um die Lücke zu füllen.
Mehr als 56 Jahre lang war das, was als „Friedensprozeß“ bezeichnet wurde – ein Prozeß,
der zu nichts führte – in Wirklichkeit eine
Reihe von amerikanisch-israelischen Initiativen, auf die die Palästinenser reagieren
sollten. Heute muß „Frieden“ durch Entkolonialisierung ersetzt werden, und die Palästinenser müssen in der Lage sein, ihre Vision
für die Region zu formulieren, während die
Israelis aufgefordert werden, darauf zu reagieren. Dies wäre das erste Mal seit vielen
Jahrzehnten, daß die palästinensische Bewegung die Führung bei der Darlegung ihrer Vorschläge für ein postkoloniales und
nicht-zionistisches Palästina (oder wie auch
immer das neue Gebilde heißen wird) übernimmt. Dabei wird sie sich wahrscheinlich an
Europa orientieren (vielleicht an den Schweizer Kantonen und dem belgischen Modell)
oder, was noch passender wäre, an den alten
Strukturen des östlichen Mittelmeerraums,
wo säkularisierte religiöse Gruppen allmählich in ethnokulturelle Gruppen übergingen,
die Seite an Seite in demselben Gebiet lebten.
Ob die Menschen den Gedanken nun begrüßen oder fürchten, der Zusammenbruch Israels ist vorhersehbar geworden.
Diese Möglichkeit sollte die langfristigen
Gespräche über die Zukunft der Region
beeinflussen. Sie wird auf die Tagesordnung gesetzt werden, wenn die Menschen
erkennen, daß der jahrhundertelange Versuch, unter der Führung Großbritanniens
und dann der USA, einem arabischen Land
einen jüdischen Staat aufzuzwingen, langsam zu Ende geht. Er war erfolgreich genug,
um eine Gesellschaft mit Millionen von Siedlern zu schaffen, von denen viele bereits in
der zweiten und dritten Generation leben.
Aber ihre Anwesenheit hängt noch immer,
wie schon bei ihrer Ankunft, von ihrer Fähigkeit ab, Millionen von Einheimischen, die
ihren Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit in ihrer Heimat nie aufgegeben haben,
gewaltsam ihren Willen aufzudrängen. In
den kommenden Jahrzehnten werden sich
die Siedler von diesem Ansatz verabschieden und ihre Bereitschaft zeigen müssen, als
gleichberechtigte Bürger in einem befreiten
und entkolonialisierten Palästina zu leben.
Ilan Pappe
Redaktionell gekürzt
Ilan Pappe ist Direktor des Europäischen Zentrums für Palästinastudien an der Universität
von Exeter.
Quelle: newleftreview.org, 10.7.24


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Junge Welt vom 04.09.2024…von Nick Brauns

»Defol Amerika«

Türkei: Proteste gegen Besuch von US-Kriegsschiff

Der Besuch eines US-Kriegsschiffs im türkischen Izmir hat zu wütenden Protesten von Kommunisten und Nationalisten geführt. Am Sonntag ist das amphibische Angriffsschiff »USS Wasp«, das zuvor an einem Manöver mit der türkischen Marine teilgenommen hatte, für fünf Tage im Hafen der Ägäismetropole vor Anker gegangen. Die schwimmende Plattform für Kampfflugzeuge, Helikopter sowie Marineinfanteristen ist das Flaggschiff eines US-Flottenverbandes, der seit Juni zum Schutz Israels im östlichen Mittelmeer kreuzt.

Am Montag abend marschierten Tausende unter dem Ruf »Defol Amerika« (Hau ab Amerika) auf einer Demonstration der Kommunistischen Partei der Türkei (TKP) zum Hafen. Die USA unterstützten die Massaker Israels in Gaza, erklärte der Vorsitzende der TKP von Izmir, Savaş Sarı. »Damit die Kriege in unserer Region ein Ende haben und Armut und Elend zurückgedrängt werden, müssen alle imperialistischen Streitkräfte, insbesondere die USA und die NATO, von hier vertrieben werden«. Sarı beschuldigte die türkische Regierung der Kollaboration mit dem Imperialismus und kündigte eine Mahnwache im Hafen an, bis das US-Schiff Izmir verlassen habe.Mitglieder der nationalistischen Türkischen Jugendunion (TGB) hatten zuvor am Montag zwei US-Marineinfanteristen auf Landgang überfallen und ihnen Säcke über den Kopf gezogen, wie sie auf einem Video dokumentierten. Die Polizei nahm 15 Angreifer fest. Ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der USA zeigte sich besorgt über den Vorfall.

Proteste gegen US-Kriegsschiffe haben eine lange Tradition in der Türkei. So gelten Demonstrationen von Studenten gegen Besuche der 6. US-Flotte in Istanbul zwischen 1967 und 1969, bei denen Matrosen mit Eiern beworfen und ins Wasser geschubst wurden, als Schlüsselereignisse der 68er-Bewegung des Landes.


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Barnimer Bürgerpost Sommer Doppelausgabe 2024

Menschenrechte von Karl Marx…

Bei dem nachfolgenden Text von Karl Marx handelt es sich Auszüge aus dessen
Schrift »Zur Judenfrage«, die 1844 in den »Deutsch­Französischen Jahrbüchern« erschienen ist.

Glieder die Erhaltung seiner Person, seiner
Rechte und seines Eigentums zu garantieren.
Hegel nennt in diesem Sinn die bürgerliche
Gesellschaft »den Not- und Verstandesstaat«.
Durch den Begriff der Sicherheit erhebt sich
die bürgerliche Gesellschaft nicht über ihren
Egoismus. Die Sicherheit ist vielmehr die Versicherung ihres Egoismus.
Keines der sogenannten Menschenrechte
geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich
auf sich, auf sein Privatinteresse und seine
Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist.
Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als
Gattungswesen aufgefaßt wurde, erscheint
vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher
Rahmen, als Beschränkung ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das
sie zusammenhält, ist die Naturnotwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die
Konservation ihres Eigentums und ihrer
egoistischen Person.
Es ist schon rätselhaft, daß ein Volk, welches eben beginnt, sich zu befreien, alle Barrieren zwischen den verschiedenen Volksgliedern niederzureißen, ein politisches Gemeinwesen zu gründen, daß ein solches Volk die
Berechtigung des egoistischen, vom Mitmenschen und vom Gemeinwesen abgesonderten Menschen feierlich proklamiert
(Déclaration de 1791), ja diese Proklamation in
einem Augenblicke wiederholt, wo die heroischste Hingebung allein die Nation retten
kann und daher gebieterisch verlangt wird, in
einem Augenblicke, wo die Aufopferung aller
Interessen der bürgerlichen Gesellschaft zur
Tagesordnung erhoben und der Egoismus als
ein Verbrechen bestraft werden muß. (Déclaration des droits de l’homme etc. de 1793.) Noch
rätselhafter wird diese Tatsache, wenn wir sehen, daß das Staatsbürgertum, das politische
Gemeinwesen von den politischen Emanzipatoren sogar zum bloßen Mittel für die Erhaltung dieser sogenannten Menschenrechte
herabgesetzt, daß also der citoyen zum Diener
des egoistischen homme erklärt, die Sphäre, in
welcher der Mensch sich als Gemeinwesen
verhält, unter die Sphäre, in welcher er sich
als Teilwesen verhält, degradiert, endlich
nicht der Mensch als citoyen, sondern der
Mensch als bourgeois für den eigentlichen und
wahren Menschen genommen wird.
Das Ziel aller politischen Vereinigung ist
die Erhaltung der natürlichen und unabdingbaren Menschenrechte (Erklärung der
Rechte usw. von 1791, Artikel 2.) »Die Regierung ist eingesetzt, um dem Menschen den Genuß seiner natürlichen und unabdingbaren
Rechte zu verbürgen.« (Erklärung usw. von
1793, Artikel 1.)
Also selbst in den Momenten seines noch
jugendfrischen und durch den Drang der Umstände auf die Spitze getriebenen Enthusiasmus erklärt sich das politische Leben für ein
bloßes Mittel, dessen Zweck das Leben der
bürgerlichen Gesellschaft ist. Zwar steht seine
revolutionäre Praxis in flagrantem Widerspruch mit seiner Theorie. Während z.B. die
Sicherheit als ein Menschenrecht erklärt wird,
wird die Verletzung des Briefgeheimnisses öffentlich auf die Tagesordnung gesetzt. Während die »liberté indéfinie de la presse« als
Konsequenz des Menschenrechts, der individuellen Freiheit, garantiert wird, wird die
Preßfreiheit vollständig vernichtet, denn »…die
Pressefreiheit darf nicht zugelassen werden,
wenn sie die allgemeine Freiheit verletzt«, d.h.
also: Das Menschenrecht der Freiheit hört
auf, ein Recht zu sein, sobald es mit dem politischen Leben in Konflikt tritt, während der
Theorie nach das politische Leben nur die Garantie der Menschenrechte, der Rechte des individuellen Menschen ist, also aufgegeben
werden muß, sobald es seinem Zwecke, diesen
Menschenrechten, widerspricht. Aber die Praxis ist nur die Ausnahme, und die Theorie ist
die Regel. Will man aber selbst die revolutionäre Praxis als die richtige Stellung des Verhältnisses betrachten, so bleibt immer noch
das Rätsel zu lösen, warum im Bewußtsein der
politischen Emanzipatoren das Verhältnis auf
den Kopf gestellt ist und der Zweck als Mittel,
das Mittel als Zweck erscheint. Diese optischeTäuschung ihres Bewußtseins wäre immer
noch dasselbe Rätsel, obgleich dann ein psychologisches, ein theoretisches Rätsel…
Allein die Vollendung des Idealismus des
Staats war zugleich die Vollendung des Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft. Die
Abschüttlung des politischen Jochs war zugleich die Abschüttlung der Bande, welche
den egoistischen Geist der bürgerlichen Gesellschaft gefesselt hielten. Die politische
Emanzipation war zugleich die Emanzipation
der bürgerlichen Gesellschaft von der Politik,
von dem Schein selbst eines allgemeinen Inhalts… Dieser Mensch, das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, ist nun die Basis, die
Voraussetzung des politischen Staats. Er ist
von ihm als solche anerkannt in den Menschenrechten.
Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er erhielt die Religionsfreiheit.
Er wurde nicht vom Eigentum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigentums. Er wurde
nicht von dem Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit…
Die politische Revolution löst das bürgerliche Leben in seine Bestandteile auf, ohne diese Bestandteile selbst zu revolutionieren und der Kritik zu unterwerfen.