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Junge Welt vom 09.11.2024… von Hagen Bonn

Härtefall des Tages: Mauerfall

Also, ich verstehe westdeutsche Feierkultur nicht. Da feiert man die Öffnung, also den Abriss der Berliner Mauer. Neulich sprach ich mit meinem Nachbarn darüber, einem ehemaligen Maurer, der meinte: »Die Mauer war doch noch gut, tipptopp, wieso musste die weg?« Ich fügte hinzu, dass die picobello Pflege der Anlage durch die Grenztruppen der DDR lobenswert war. Und warum? Das waren Fachkräfte! Schauen wir uns dagegen die Bundesregierung an. Wenn Fachkräftemangel, dann ja wohl dort!

Kann sich überdies jemand an die Leier von den »Brüdern und Schwestern« erinnern? Ich wusste schon 1990 über die neue Westfamilie: Herrgott, wer will denn mit so was verwandt sein? Also ich schon mal nicht! Wenn die Leute vor 35 Jahren gewusst hätten, was ihnen landschaftlich »blüht«, hätten sie an der Bornholmer Straße oder am Brandenburger Tor nicht gerufen: »Wir sind das Volk!« Sondern man hätten sich untergehakt und gebrüllt: »Wir sind die Mauer! Bleibt, wo ihr seid!«Und da heutzutage die Mauer in den Köpfen doppelt so hoch ist wie das Original, wäre es Zeit, den »Aufbau Ost« konjunkturell neu zu denken. Verwandeln wir die ideologische Staatsgrenze doch wieder in die materielle Form! An ihrem ursprünglichen Ort. Ich spendiere eine Rolle Stacheldraht und einen Flutlichtmast. Als neue Regierung schlage ich (bisher einstimmig) den Kleingartenvereinsvorstand von nebenan vor. Deren Satzung ergibt wenigstens Sinn, ist alles fein säuberlich geregelt. Demokratisch wie nix, man spricht dort sogar mit Pflanzen; andererseits ist es verboten, Unkraut zu beleidigen. Verstehen Sie, was ich meine? Das wäre doch ein Anfang, ein neues »Auferstanden aus Ruinen«.

Noch mal zum Mauerfalltermin: Hätte man nicht ein paar Tage warten können? Da wäre »Volkstrauertag«, da wüsste dann jeder, was Sache ist.


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