Antirussische Obsessionen der EU repräsentieren nicht den Volkswillen

von Olivia Kroth

Dieser Artikel erschien bereits in Englisch auf „Voice of Russia“

Zu Olivia Kroth: Die Journalistin und Autorin von vier Büchern lebt in Frankreich.

Was denkt der Durchschnittseuropäer über Russland, Präsident Wladimir Putin und die Situation der Krim? Sogar antirussische Journalisten des Westens sind sich einig, dass ihre Artikel nicht immer die Meinungen ihrer Leser über Russland widerspiegeln. 

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Halbinsel Krim: Sonnenuntergang über dem Schwarzen Meer

Der Artikel des deutschen Journalisten Bernd Ulrich in Zeit Online, “Wie Putin spaltet”, zog sowohl in Russland als auch in Deutschland viel Aufmerksamkeit auf sich, obwohl er viel antirussische Stereotype wiederholt. Der Autor räumt ein: “Wenn die Umfragen nicht täuschen, stehen zurzeit zwei Drittel der Bürger, Wähler, Leser gegen vier Fünftel der politischen Klasse, also gegen die Regierung, gegen die überwältigende Mehrheit des Parlaments und gegen die meisten Zeitungen und Sender.” Dies bedeutet, dass mindestens zwei Drittel der Europäer sich weigern, die russische Aktion auf der Krim als “Okkupation” und “Aggression” zu sehen. Diese Begriffe werden von vier Fünfteln der Politiker und Medienleute Westeuropas verwendet.

Ein kurzer Blick auf die Kommentare der in letzter Zeit veröffentlichten antirussischen Texte zeigt, dass die meisten Europäer Russland tatsächlich mögen. Aber sie finden ihre Meinungen nicht in den Massenmedien repräsentiert. Überdies wünschen manche europäischen Bürger insgeheim, sich gleichfalls der Russischen Föderation anzuschliessen, da die EU zu einem wirtschaftlichen und moralischen Fiasko geworden ist.

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Halbinsel Krim: Statue von Wladimir Lenin in Feodosia

Weil die Krim sich der Russischen Föderation angeschlossen hat, hegen europäische Politiker und Massenmedien antirussische Obsessionen. “L’obsession antirusse” heisst der Titel von Olivier Zajecs Artikel in der französischen Monatszeitung Le Monde Diplomatique. Er weist darauf hin, dass europäische Medien die neuesten Ereignisse in der Ukraine und Krim als “ultimative Schlacht zwischen Gut und Böse” darstellen, wobei moralische Tiraden die Analyse ersetzen. Nichts kann nachdenkende europäische Leser mehr verärgern als eine solche Vorgehensweise.

Gut gegen Böse

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Flora der Halbinsel Krim auf einer sowjetischen Briefmarke von 1962

Es versteht sich von selbst, dass der gefährliche russische Bär, verkörpert von Präsident Wladimir Putin, das Böse inkarniert. Dem steht die Europäische Union gegenüber, die sich gerne als Hort der Demokratie, Freiheit und Menschenrechte geriert. “Von Zeit zu Zeit versenken die Russen zum Spass ein atomares U-Boot, damit die Barentssee verschmutzt wird. Nebenbei warten sie auf die nächste Gelegenheit, in einem Nachbarstaat ein illegales Referendum in die Wege zu leiten, um die Sowjetunion wieder aufleben zu lassen.”

Olivier Zajec bietet einen Abriss der Geschichte antirussischer Obsessionen. Sie begannen nicht erst im 20. oder 21. Jahrhundert, sondern bereits während der Renaissance, als nach Russland reisende Europäer die Einwohner als “Barbaren” beschrieben. Danach erfand jedes Jahrhundert seine eigenen folkloristischen Klischees über Russland. Der neueste absurde Kommentar stammt von Bernard-Henri Lévy: “Dieser barbarische Staat wird von Kosaken, Halbmongolen und Nachfahren des KGB geleitet, die in den eisigen Gewässern egoistischen Kalküls dunkle Komplotte schmieden.”

Zweifellos ist das moderne Libyen ein gefährlicheres und blutigeres Land, als es Muammar Gaddafis Volksrepublik jemals war. Diejenigen, welche Gaddafi einen “autokratischen Diktator” nannten, haben selbst nichts Besseres zustande gebracht.  Mittlerweile wird dieser Begriff gebraucht, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu dämonisieren.  In der deutschen Zeitung Die Welt liest man über “russische Aggression”, “russischen Machthunger” und “Putins Gewaltstreich”. Die Welt hegt quasi pathologische Obsessionen gegen Russland. In derselben Ausgabe vom 4. April 2014 behandeln etwa ein halbes Dutzend Artikel, von verschiedenen Schreibern verfasst, das fürchterliche Régime im Kreml.

Schlagwörter aus dem Führerbunker und Zensur

Europäische Massenmedien verwenden dieselben Schlagwörter in Bezug auf Russland. Man fragt sich, in welchem Führerbunker der Welt sie geprägt wurden, um als Marschorder des Tages verbreitet zu werden. Dmitri Kisseljow kennt die Antwort. Im Gespräch mit Isvestia erklärte der Generaldirektor der internationalen Informationsagentur Rossija Segodnija in Moskau, dass “alle westlichen Nachrichtenagenturen ihrer Leserschaft eine bestimmte Sichtweise aufzwingen. Sie formen den dominierenden Tenor der Berichterstattung und schreiben dem Publikum vor, was und wie es zu denken habe.”

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Halbinsel Krim: Statue von Alexander Puschkin in Kertsch

Es ist eine Tatsache, dass nicht alle europäischen Journalisten glauben, was sie schreiben. Aber sie müssen sich Diktaten beugen, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten wollen. Zensur und Druck haben innerhalb der EU in erschreckendem Ausmass zugenommen. Dmitri Kisseljow kennt Kollegen, die 25 Jahre lang für die BBC arbeiteten und nun nach Russland wechseln wollen, “weil sie all den antirussischen Unsinn, Hass und die Zensur nicht länger ertragen können.”

Frankreich ist auch zu einem unerträglichen Land für unabhängige Köpfe geworden, wie Dmitri Kisseljow weiss: “Ich bekomme Anrufe aus Paris. Man sagt mir, dass es dort Schwarze Listen für Leute gibt, die aus dem französischen Fernsehen verbannt wurden, Menschen, die früher häufig als Gäste eingeladen waren, prominente Persönlichkeiten des französischen Kulturlebens. Journalisten im Westen erzählen mir oft, dass sie unter echter Zensur arbeiten müssen. Also ist es ganz normal, dass sie in Russland Arbeit suchen. Sie sehen unser Land als eine Alternative, eine Quelle der Ausgewogenheit und Gleichheit.”

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Halbinsel Krim: Schloss Woronzow in Alupka

Dmitri Kisseljow bedauert, dass “die Zuständigen in der EU das Recht auf Meinungsfreiheit nicht respektieren. Das ist in der Tat ein Verrat an europäischen Werten. Es stellt einen dramatischen Wendepunkt der westlichen Zivilisation dar – zu sagen, dass wir Meinungsfreiheit nicht länger brauchen oder sie nicht für einen grundsätzlichen Wert halten.” Es erscheint seltsam, dass in Europa, der sogenannten Wiege der Demokratie, Journalisten verfolgt werden und das Recht auf Meinungsfreiheit de facto abgeschafft worden ist.

Sympathie für Russland, Misstrauen gegenüber der EU

In Deutschland zeigt eine von der ARD durchgeführte repräsentative Meinungsumfrage, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung Freundschaft und Frieden mit Russland will. 49 Prozent der Deutschen sehen ihr Land als “Vermittler zwischen Ost und West”. Insbesondere die Wähler von SPD, Grünen und Linken sind offen für Russland. In Ostdeutschland wünschen sogar 60 Prozent gute Beziehungen zu der Russischen Föderation. Die älteren Generationen aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik sprechen und schreiben alle Russisch. Sie haben es als erste Fremdsprache in der Schule gelernt.

Halbinsel Krim: Herbstliche Küste

Halbinsel Krim: Herbstliche Küste

Wegen der herrschenden Zensur sehen viele Ostdeutsche ihre Ansichten in der Presse nicht repräsentiert. Also fangen sie an zu bloggen. In Berlin gibt es eine Gruppe, die sich “Anti-imperialistische Solidarität” nennt (http://aip-berlin.org). Sie veröffentlicht positive Texte über Russland und übersetzte vor kurzem den gesamten Text von Präsident Putins Rede über Russlands Wiedervereinigung mit der Krim ins Deutsche. Die anti-imperialistischen Blogger verschicken ihre emails mit yandex.ru.

Ein weiterer Grund, warum die Europäer sich weigern, Russland zu fürchten, ist ihre starke Abneigung gegen die Europäische Union, Hauptkritikerin der Russischen Föderation. In Deutschland, Frankreich und Grossbritannien betrachten immer mehr Menschen die Bürokratie der EU als Verursacherin der Probleme Europas, nicht als deren Lösung. In Frankreich zeigen die Ablehnung einer EU-Verfassung und die Beliebtheit von Parteien gegen die EU, dass die Illusion eines geeinten Europas langsam stirbt. In Grossbritannien will ein Grossteil aller Stimmberechtigten die EU verlassen, und zwar lieber früher als später. Premierminister David Cameron wird 2017 zu dieser Frage ein Referendum anbieten, sollte er nächstes Jahr wieder gewählt werden.

Iwan Aiwasowski: Sewastopol auf der Halbinsel Krim

Iwan Aiwasowski: Sewastopol auf der Halbinsel Krim

 

In der EU werden die Menschen nicht so schnell vergessen, dass die Sorgen der Ukrainer begannen, weil westliche Politiker Druck auf ihren ehemaligen Präsidenten Janukowitsch ausübten, er solle eine Assoziationsvereinbarung mit der EU unterschreiben. Die daraus folgenden Unruhen und Gewalttätigkeiten werden uns im Gedächtnis haften bleiben. In Europa wurden die Bürger nie befragt, ob sie tatsächlich diese Vereinbarung mit der Ukraine wünschten. “Hätte man die Europäer gefragt, ob sie gern perspektivisch noch so ein Rumänien, Bulgarien oder Griechenland näher an die EU heranholen möchten, dann hätten sie vermutlich Nein gesagt oder: geschrien”, schreibt Bernd Ulrich in ZeitOnline.

Grenzen bewegen sich hin und her. Die Europäische Union dehnte ihr Territorium nach Osten aus. Nun ist die Russische Föderation an der Reihe, ihre Grenzen nach Westen zu verschieben. “Westwärts, ho!” lautete der Schlachtruf nordamerikanischer Pioniere, als sie ihre Grenzlinie weiter nach Westen verlagerten und unterwegs Indianer abschossen. Die Russen müssen keine Indianer oder andere Menschen töten. Die Einwohner der Halbinsel Krim wollen sich ihnen freiwillig anschliessen, nicht nur, weil Russland ein Land mit viel  besserer Lebensqualität darstellt, als uns die westlichen Medien glauben machen wollen,  sondern auch, weil die Ukraine weit weniger demokratisch ist, als uns diese selben Medien vorgaukeln.

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Halbinsel Krim: Ruinen von Chersonesos

Vielleicht werden in 20 oder 30 Jahren weitere europäische Länder danach streben, der Russischen Föderation beizutreten? Einige der ehemaligen Sowjetrepubliken wollen das bereits heute. Nicht wenige europäische Bürger hegen insgeheim gleichfalls diesen Wunsch. Doch seid still! Sagt es nicht laut! Die Zensoren der EU könnten euch zurechtstutzen.

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Museum der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol


Die Antiimperialistische Plattform bedankt sich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Artikels.

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