Pioniereisenbahn
Parkeisenbahn Wuhlheide: Mein 9-jähriger Schaffner und ein Stück DDR, das bis heute lebt
Unsere Autorin wurde 1994 im Schwarzwald geboren. Von Pioniereisenbahnen hatte sie noch nie gehört. Also hat sie recherchiert, was für halb Berlin selbstverständlich ist.

Am Wochenende bin ich mit meiner Familie durch den Volkspark Wuhlheide getuckert, mit der Parkeisenbahn – eine Wochenendaktivität, die ich wärmstens empfehlen kann. Unser Schaffner war ein Kind. Neun, vielleicht zehn Jahre alt, mit Uniform und Lochzange, und er machte seine Sache mit einer Ernsthaftigkeit, die mich schlicht umgehauen hat. Mein erster Gedanke war: „Nette Idee, Kinder mal mitmachen lassen.“ Falsch. Der Junge hat einen Kurs absolviert, eine Prüfung bestanden und ist offiziell im Dienst.Ich bin 1994 im Schwarzwald geboren. Pioniereisenbahnen kamen in meiner Kindheit nicht vor, und ich vermute, den meisten Westdeutschen meines Jahrgangs geht es genauso.
Für viele Berlinerinnen und Berliner ist das dagegen nichts Neues, sondern Erinnerung. Elf solcher Bahnen gab es in der DDR. Zehntausende Kinder haben dort Dienst getan.
Trotzdem ist es das, was mich an dieser Stadt immer wieder überrascht: Man stolpert im Park über etwas, das aussieht wie eine Attraktion, und findet ein Stück Staatsgeschichte.Ein Regelwerk von 1980, gültig im Jahr 2026
Was ich dann nachgelesen habe, hat mich noch mehr erstaunt. Schaffner darf man ab 9 Jahren werden, Schrankenwärter ab 10, Zugführer ab 12, Fahrdienstleiter ab 15. Nur Lokführer und Rangierleiter müssen volljährig sein. Über 170 Kinder und Jugendliche halten den Betrieb am Laufen.Rechtsgrundlage ist bis heute die „Bau- und Betriebsordnung für Pioniereisenbahnen“ von 1980. Sogar die Mittagspause hat einen amtlichen Grund: Von 12.30 bis 13.30 Uhr steht die Bahn still, weil den Kindern eine Stunde Pause zusteht.
Ein Geschenk zum Geburtstag von Wilhelm Pieck
Angekündigt wurde die Bahn am 3. Januar 1956, dem 80. Geburtstag von DDR-Präsident Wilhelm Pieck. Tausend Eisenbahner und Freiwillige bauten die Strecke in sechs Monaten. Eröffnet wurde am „Tag des Eisenbahners“ mit zwei Diesellokomotiven und acht halb offenen Wagen. Es war die sechste Pioniereisenbahn der DDR. Ab 1963 trugen die Kinder Uniformen, die denen der Reichsbahn weitgehend entsprachen – für die Kleinen mit kurzer Hose.
1978 kam der Bruch, der die Wuhlheide von allen anderen unterscheidet: Die Deutsche Reichsbahn übernahm die Betriebsführung selbst, als einzige Pioniereisenbahn der DDR. Alle anderen blieben kommunale Einrichtungen.
Für die Reichsbahn war die Bahn vor allem Ausbildungsstätte für den eigenen Nachwuchs. Auf hohe Fahrgastzahlen legte man keinen Wert, gewünscht war eine moderne Bahn. Weshalb historische Wagen ausgerechnet in dieser Zeit nicht erhalten wurden.

Nach der Wende wollte die Reichsbahn die Verantwortung loswerden, die Bahn stand vor dem Aus. 1993 ging der Betrieb an eine gemeinnützige GmbH. Im Oktober desselben Jahres wurde die Strecke zum S-Bahnhof Wuhlheide eröffnet, und zwar vom damaligen Jugendsenator Thomas Krüger, der früher selbst Pioniereisenbahner gewesen war.
Heute rollen auf 600 Millimetern Spurweite Dampf- und Diesellokomotiven über 7,5 Kilometer, rund 60.000 Gäste im Jahr. Die Dampflok „Klaus“ fuhr einst auf den Berliner Trümmerbahnen. Die jüngste Diesellok wurde aus dem Vermögen der DDR-Parteien finanziert.Und dann kam der Junge mit der Zange
Der kam pünktlich durch den Wagen, knipste die Fahrkarten und rief den nächsten Halt aus. Vielleicht ist er in ein paar Jahren Fahrdienstleiter. Vielleicht sitzt er mit 18 auf einer Lok. Und vielleicht erzählt er irgendwann jemandem davon, der aus dem Schwarzwald kommt und große Augen macht – so wie ich.

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