Rotfuchs März Ausgabe
Wie ich ein guter Deutscher wurde…. Eine Anleitung für jedermann…
Meine Güte, werden sich nun einige ganz
besorgt fragen, jetzt will er auch noch ein
guter Deutscher werden, geht das überhaupt,
wenn man als Linker doch eigentlich ein vaterlandsloser Geselle ist? Ich meine schon.
Natürlich gehört immer ein wenig Glück zum
Leben. Ich hatte es, im Gegensatz zu ein paar
Milliarden anderer Menschen auf diesem
Planeten. Ich wurde einfach geografisch am
günstigen Ort geboren. Nur ein paar hundert
Kilometer weiter westlich – und schon wäre
vieles anders geworden. Das heißt nicht, daß
ich nicht auch dort ein Guter hätte werden
können – aber es wäre schon schwerer geworden. Ich kenne eine ganze Reihe, denen
es trotzdem gelungen ist, worüber ich mich
natürlich freue. Doch es schon ein großes
Glück in die noch fast niegelnagelneue DDR
hineingeboren zu werden. Nicht nur, daß meine Eltern zu jung und nicht dumm genug waren, um sich mit dem Nazivirus infizieren zu
können und meine Großeltern als Bauern eher
der Scholle als dem „Führer“ verhaftet waren –
auch die Tatsache, daß dieser junge, neuartige
deutsche Staat den Antifaschismus zu seiner
Gründungsprämisse gemacht und sich den
Kampf für eine friedliche Welt auf die Fahnen geschrieben hatte, machte es mir leichter,
obwohl die Zeiten schwer waren. Es gab kein
Essen im Überfluß wie heute, die Menschen
mußten hart und meist körperlich arbeiten,
um aus den Trümmern des großen Krieges,
den meine Landsleute angezettelt hatten,
ein Land aufzubauen, in dem es sich zu leben
lohnte. Aber mir als Heranwachsendem fehlte es an nichts Wesentlichem, vor allem hatte ich alle Möglichkeiten, ohne daß Herkunft
oder Geld eine Rolle gespielt hätten. So ging
ich mit Begeisterung in die Schule, und obwohl meine erste Dorfschule nur ein Plumsklo
vorweisen konnte, lernte ich dort und auch in
den folgenden moderneren, das Wichtigste:
Alle Menschen sind – obwohl ungleich – gleich
und erhalten dieselben Möglichkeiten. Und
wenn einer von uns Schülern Schwierigkeiten
oder Probleme hatte, dann halfen wir uns untereinander und lernten so erst einmal, daß
Helfen genauso viel Spaß macht, wie Hilfe zu
bekommen. Die meisten Lehrer, jedenfalls die,
die in der DDR geblieben waren und auch jene
Neulehrer, die oft in erheblicher Eile in den
Lehrerbildungsinstituten herangebildet wurden, denn der Lehrermangel nach dem großen
Krieg war eklatant, wollten uns etwas lehren,
nicht nur den Lehrplanstoff, auch etwas fürs
Leben. Und ich nahm die Angebote freudig an.
Drei grundlegende Dinge gab es über den
„normalen“ Schulstoff hinaus, die uns beigebracht wurden. Da war zum ersten, daß wir
von Beginn an uns als Teil der Schulklasse
begreifen sollten. Auch als Individuum mit
unterschiedlichen Talenten oder Grenzen, vor
allem aber als Teil eines Ganzen. Das Grundprinzip war nicht, jeder gegen jeden, obwohl
es natürlich auch bei uns Reibereien und Eifersüchteleien gab. Hauptsache war,jeder hilft
jedem und sieht seine Stärken als Möglichkeit,
anderen zu helfen. Und es funktionierte, selten mußten Lehrer schlichtend eingreifen,
wir regelten das untereinander, von Gleichem
zu Gleichem. So war es später auch viel einfacher, sich immer als Teil eines Ganzen zu
begreifen, des Kollektivs, der Republik und
mit allen Menschen auf der Welt. Und so hat
die kleine, muffige DDR es geschafft, trotz
monetär und visabedingter Schwierigkeiten
für Fernreisen, das mir Menschen in fernen
Ländern nah waren, auch wenn ich sie nicht
besuchen konnte. Hinterlistigerweise war
uns dieser Plan mit der 3. Umschlagseite der
Fibel aus dem ersten Schuljahr in die Köpfe
gepflanzt worden. Dort war eine Weltkugel
zu sehen, um die Kinder aus vielen Ländern,
sich an den Händen fassend, herumtanzten.
Zugleich lehrte man uns, Frieden als höchstes
Gut zu begreifen und Krieg zu verabscheuen. Es ging also schon ziemlich dialektisch zu.
Beispiel aus dem Lesebuch: Hans-Jürgen steht
vor dem Schilderhaus einer NVA-Kaserne und
fragt den Soldaten:
„Was tut ihr hier, tagein, tagaus? Kannst du
mir das verraten?
„Ich bin Soldat der Volksarmee!
Ja, spiele nur und lache!
Ich stehe hier bei Wind und Schnee und halte
für dich Wache …“
Der NVA-Soldat sollte uns beschützen und
den Frieden bewahren. Frieden als höchstes Gut, das deckte sich auch mit den Erlebnissen meines Großvaters, der selten
und wenn, dann nur weinend, vom Krieg
erzählte. Ich lernte also, daß Frieden im
wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig ist, für mich, aber auch alle anderen.
Und drittens wurde mir Antifaschismus „verordnet“. Das war ganz einfach und auch plausibel. Natürlich erklärte man uns, daß Kriege
Ursachen und Anlässe haben. Ebenso natürlich redeten wir über den letzten großen Krieg,
die Rolle der Faschisten, aber auch über jene,
die die Hitlerpartei finanziert und groß gemacht hatten, weil sie an menschenfressenden
Kriegen sich dumm und dämlich verdienen
konnten. Und es wurden uns die Folgen des
Nazisystems vor Augen geführt. Ich behaupte,
90 Prozent der Heranwachsenden in der DDR
haben ein- oder mehrmals Gedenkstätten der
Nazibarbarei besucht und ich denke, nur wenige waren von dem Grauen nicht beeindruckt.
Auf diesen drei Grundpfeilern, Werte würde man heute vielleicht sagen, wenn dieser
Begriff nicht von schwarzen, gelben, grünen
und blauen Parteien inflationär und mit merkwürdigen Inhalten verknüpft, benutzt würde,
ließ sich dann trefflich lernen. So lernte ich u.a.
auch viel über die deutsche Geschichte, von
Kaiser Barbarossa über die Reformation, die
Bauernkriege, die gescheiterte bürgerliche
Revolution 1848, den Ersten Weltkrieg, die
Abschaffung des Kaisers, die Weimarer Republik, dann die Nazis und wieder ein großer
Krieg. Ich lernte etwas über bekannte Deutsche in der Geschichte, z.B. über Gutenberg,
Tillmann Riemenschneider, Martin Luther,
Thomas Müntzer, Adam Ries, Leibniz, Kant
und Hegel, die Humboldt-Brüder, Schiller,
Goethe, Bach und Beethoven, Rilke, Büchner,
Heine, Karl Marx und Friedrich Engels, auch
Wilhelm II., Bismarck, Hindenburg, Hitler,
aber auch Luxemburg, Thälmann, SchulzeBoysen und Stauffenberg. Wir besprachen
die Völkerwanderungen, die Mongolen, die
erst an der Neiße haltmachten, oder die
Türken vor Wien, Friedrich II., der Kriege
führte, aber auch das Oderbruch trockenlegen ließ, um es landwirtschaftlich nutzen
zu können. Ich lernte also, daß alles miteinander in der Welt zusammenhing und z. B.
Karl der Große zwar die Mauren besiegte, sie
aber uns viel über Gewürze, feines Benehmen und Mathematik beibrachten, was hieß,
daß man voneinander lernen könnte, wenn
man sich nicht gerade die Köpfe einschlug.
So wurden mir die Errungenschaften meiner Vorfahren bewußt und ich schämte mich
gleichzeitig für die finsteren Kapitel deutscher
Geschichte, die nicht auf die Nazizeit begrenzt
sind. Ich liebe mein Land im engeren und weiteren Umfeld, die Wälder Brandenburgs, die
Ostsee, Sachsen, Thüringen, aber auch den
Bodensee, den Bayerischen Wald, das sture
Westfalen oder Schleswig-Holstein. Ich weiß
aber auch, daß wir Deutschen nicht die Krone der Schöpfung sind, wir sind nicht besser
und nicht schlechter als andere Völker. Wir
leben gut, aber es ist nicht die einzige Art,
richtig zu leben. Die Liebe zu meinem Land
läßt mich nicht auf andere herabblicken, sondern nur neugierig zu ihnen hinsehen. Was
kann ich staunend von ihnen lernen – das ist
meine Haltung und mein Blick auf die Welt.
Ich fühle mich als Teil der Weltgemeinschaft
mit Stolz auf das Eigene und lernwillig vom
Fremden. Und wenn ich jemandem gegenüber
mißtrauisch bin, dann denen gegenüber, die
Unfrieden stiften, Unfrieden mit Menschen,
die anders reden, anders aussehen, anders
essen, anderen Religionen angehören. Solche
Unfriedenstifter gibt es auf der ganzen Welt,
aber eben auch hier. Es sind in den meisten
Fällen auch Deutsche, wie ich es einer bin. In
nicht wenigen Fällen verdienen sie auch am
Unfriedenstiften, direkt oder indirekt. Kurz
gesagt, halte ich mich für einen guten Deutschen, der sich gern auch mit denen streitet,
die sich menschenverachtend über andere
stellen und die nicht erkennen, wie sie manipuliert werden. Zumal wir doch auf diesem
wunderschönen blauen Planeten wichtigere
Probleme haben, als uns gegenseitig im Interesse der Profitmacher den Schädel einzuschlagen, denn die wirklich vaterlandslosen
Gesellen sitzen in den internationalen Großkonzernen, deren einzig zählender Wert das
Geldscheffeln ist, egal, wieviele dafür sterben
müssen.
Uli Jeschke