Klaus Blessing: Für einen lebendigen Karl Marx

Klaus Blessing

Für einen lebendigen Karl Marx

Gedanken zum 200. Geburtstag

Nicht rückwärts zu Marx –
– sondern vorwärts mit Marx

Die Ideen von Karl Marx haben die Welt in einem Maße verändert, wie das durch keinen Philosophen vor und nach ihm erfolgt ist. Das 20. Jahrhundert war geprägt von einer weltweiten Umgestaltung der Gesellschaften in Europa, Lateinamerika, Asien und Afrika auf der Grundlage Marx‘scher Vorstellungen. Eine Welt ohne Eroberungskriege, Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit war im Entstehen. Damit sich so etwas nie wiederholen möge, verteufeln die Herrschaftseliten des kapitalistischen Systems und „linke“ Revisionisten den Marxismus als veraltet und überholt. In Wahrheit ist er für sie nach wie vor gefährlich.

Deshalb ist es Aufgabe von Marxisten die inneren Ursachen für die Niederlage des Realsozialismus aufzudecken. Dafür werden häufig äußere Faktoren, das Wirken des „Klassengegners“ und persönliche Fehlhandlungen verantwortlich gemacht. Zweifellos hat es das alles gegeben. Aber Gesellschaftsordnungen brechen nie durch das Wirken äußerer Faktoren zusammen, wenn sie innerlich stabil sind. Das waren die real sozialistischen Länder nicht mehr. Daraus sind Schlussfolgerungen abzuleiten.

Broschüre zum Herunterladen, Ausdrucken, Studieren und Verbreiten

Bevor ich Gedanken dazu äußere, ist es erforderlich die Einstellung von Marx und Engels zu ihrer eigenen Gesellschaftsphilosophie zum Ausgangspunkt zu nehmen.

Karl Marx: Ereignisse . . ., die sich aber in einem unterschiedlichen historischen Milieu abspielten, führten also zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Wenn man jede dieser Entwicklungen für sich studiert und sie dann miteinander vergleicht, wird man leicht den Schlüssel zu dieser Erscheinung finden, aber man wird niemals dahin gelangen mit dem Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein.“ [2]

Die Position von Karl Marx zur eigenen Lehre gipfelt gegen dogmatische „unermeßliche Überlegenheit“ und „Unbekanntschaft mit den jedesmal entscheidenden historischen Tatsachen“ in der Aussage: „Ich weiß nur dies, dass ich kein ‚Marxist‘ bin.“ – geschrieben 1890 an die Zeitung „Sozialdemokrat.“[3]

Friedrich Engels: Der Kommunismus ist keine Doktrin, sondern eine Bewegung; er geht nicht von Prinzipien, sondern von Tatsachen aus. Die Kommunisten haben nicht diese oder jene Philosophie, sondern die ganze bisherige Geschichte und speziell ihre gegenwärtigen tatsächlichen Resultate in den zivilisierten Ländern zur Voraussetzung.“ [4]

Friedrich Engels: „Ich muss vor allem sagen, dass die materialistische Methode in ihr Gegenteil umschlägt, wenn sie nicht als Leitfaden beim historischen Studium behandelt wird, sondern als fertige Schablone, wonach man sich die historischen Tatsachen zurechtschneidet.“ [5]

Der praktizierte Sozialismus hat genau diesen Fehler begangen. Die Auffassungen von Marx, Engels, Lenin und zeitweilig Stalin zur Gestaltung einer neuen sozialistischen Gesellschaft wurden als überhistorisches Dogma, einer Religion gleich, interpretiert und praktiziert. Das den Menschen auszeichnende Denken sollte – einer Religion gleich – durch Glauben ersetzt werden. Im Gegensatz zu den eigenen Ansichten von Marx und Engels wurden deren Positionen zur gesellschaftlichen Entwicklung als „wissenschaftlicher Sozialismus“ apostrophiert. Der Anspruch lautete: Der weitere Gang der Geschichte kann wissenschaftlich begründet vorausgesagt werden. Die Entwicklung bewies das Gegenteil.

Heute stellt sich die Frage: Kann eine Gesellschaftsphilosophie des 19. Jahrhunderts die Handlungsmaxime unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen für das 21. Jahrhundert darstellen? Offensichtlich nicht. Es ist notwendig, tabulos einige Fragen auf marxistischer Grundlage neu zu stellen und zu beantworten. Nicht der ist ein guter Marxist, der zu jeder gesellschaftlichen Problematik ein passendes Zitat der „Klassiker“ zur Hand hat, sondern derjenige, der aus Tatsachen und historischen Abläufen die notwendigen Schlussfolgerungen zieht, ohne marxistisch-leninistische Grundpositionen aufzugeben.

Meine marxistische Grundposition ist im „Kommunistischen Manifest“ niedergeschrieben. Das Credo des Kommunistischen Manifestes lautet. Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände…. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung heraus. . . .In diesem Sinne können die Kommunisten ihre Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums zusammenfassen.

Diese Aussage ist für mich die „in Stein gemeißelte“ Grundaussage des Marxismus, an der es kein Rütteln gibt. Wer das Eigentum (natürlich an Produktionsmitteln) vergesellschaften will, ist Marxist. Wer an dieser Grundforderung vorbei geht, verfolgt bewusst oder unbewusst andere unmarxistische Ziele. Das ist keine theoretische Glaubensfrage, sondern eine historisch bewiesene Tatsache. Ihre heutige Beantwortung bestimmt das Leben von Milliarden Menschen: Eine friedliche und sozial gerechte Gesellschaft ist nur bei Überwindung der Profitherrschaft des Privateigentums möglich.

Leider wurde und wird diese simple und historisch ständig bewiesene Binsenweisheit von Politikern, Ökonomen und Gesellschafts„wissenschaftlern“, die sich als „links“ ausgeben, häufig ignoriert. In der „Wendezeit“ wurde das vom Volk der DDR erarbeitete gesellschaftliche, in Staatsbesitz befindliche, Eigentum leichtfertig aufgegeben. Die „Übergangsregierungen der DDR“ öffneten bereits 1989/90 dem westdeutschen Kapital durch Verfassungsänderung und Gesetze zur Privatisierung Tür und Tor. Die „Treuhand“ hatte leichtes Spiel. Ein Volksvermögen von insgesamt annähernd 1,8 Billionen Mark wanderte in westdeutsche Privattaschen. Der sozialistischen DDR war der ökonomische Boden entzogen. Der politisch-staatliche kapitalistische Überbau wurde dem Volk der DDR übergestülpt, ohne es jemals demokratisch darüber entscheiden zu lassen. Die DDR ging würdelos in der BRD unter.

Heute leugnen selbst „Linke“ unter den „Linken“ die Bedeutung von Staatseigentum, verteufeln dessen Wirkung im Realsozialismus. Alte sozialdemokratische unwirksame Illusionen werden aufgewärmt, um durch Mitbestimmung und Kontrollorgane „Barrieren (zu errichten), die verhindern, dass aus ökonomischen Eigentumsrechten Machtinstrumente werden“[6] Sie meinen dadurch Demokratie und Allgemeinwohl durchsetzen zu können.

Am Wesen kapitalistischer Marktwirtschaft ändern derartige Vorschläge nichts. Die private Aneignung fremder Arbeit und der Naturreichtümer wird nicht beseitigt. Die brutalen Gesetze der Konkurrenz und der kriegerischen Auseinandersetzung im Kampf um Absatzmärkte, Rohstoffquellen und Macht bestehen fort. Die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich wird nicht überwunden.

Deshalb ist für mich die Grundaussage des Kommunistischen Manifestes das unwiderrufliche und „zeitlose“ Marx‘sche Vermächtnis: Enteignung der Enteigner!

Bereits 25 Jahre nach dem Erscheinen des Manifestes, im Jahre 1872, stellten Marx und Engels im Vorwort zur deutschen Ausgabe jedoch auch fest: Gegenüber der immensen Fortentwicklung der großen Industrie seit 1848 und der sie begleitenden verbesserten und gewachsenen Organisation der Arbeiterklasse, gegenüber den praktischen Erfahrungen . . . ist heute dies Programm stellenweise veraltet. . . .Indes, das Manifest ist ein geschichtliches Dokument, an dem zu ändern wir uns nicht mehr das Recht zuschreiben.

Nun sind seit dem Erscheinen des Manifestes bis heute nicht 25, sondern 170 Jahre vergangen. Industrie und Wirtschaft haben sich in unvorstellbarem Maße fortentwickelt. Die Welt der Arbeit stellt sich völlig anders dar als zum Zeitpunkt des Manifestes. Deshalb sollten wir auch den Mut haben, auszusprechen, welche Aussagen des Manifestes nicht den Praxistest der Geschichte überstanden haben und welche Schlussfolgerungen wir daraus heute ziehen.

  1. Frage: Was ist das Ziel der Bewegung?

Wenn wir, wie Marx und Engels berechtigt feststellen, den Kommunismus nicht also Dogma, sondern als Bewegung auffassen, ergibt sich als erste Frage: Was ist das Ziel der Bewegung. Marx hat diese Frage 1875 in seiner „Kritik des Gothaer Programms“ so beantwortet: „In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft….. kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ [7]

Warum aber soll die Gier nach Besitz und Reichtum, die die zerstörerische Triebkraft der kapitalistischen Gesellschaft ist, vom Sozialismus nicht nur übernommen, sondern sogar überboten werden?

Im Realsozialismus wurde das Streben nach immer höherem Konsum sogar zur Staatsdoktrin erhoben. Walter Ulbricht verkündete auf dem V. Parteitag der SED 1958 die Hauptaufgabe. Wörtlich: „Die Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik ist innerhalb weniger Jahre so zu entwickeln, dass die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung der DDR gegenüber der Herrschaft der imperialistischen Kräfte im Bonner Staat eindeutig bewiesen wird und infolgedessen der Pro-Kopf-Verbrauch unserer werktätigen Bevölkerung mit allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland erreicht und übertrifft.“

Damit wurde das ohnehin in großen Teilen der Bevölkerung ausgeprägte Schielen nach Westwaren Leitfaden sozialistischer Gesellschaftsentwicklung. Bis zum Untergang der DDR wurde den Menschen suggeriert, diese lebensfremde und falsche Illusion durchsetzen zu können. Das Volk erkannte den zunehmenden Widerspruch zwischen Schein und Sein, die Führung jedoch war nicht in der Lage oder gewillt, diese historische Fehleinschätzung zu korrigieren.

Derartige Zielstellungen waren von Anfang an unrealistisch und letztlich auch falsch. Als Marx sein Kommunistisches Ziel verkündete, lebten 1,5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Sicher wäre es möglich, diese unter sozialistischen Bedingungen nach ihren (vernünftigen) Bedürfnissen leben zu lassen. Als Ulbricht seine Utopie verkündete, waren es 3 Milliarden. Heute sind es 7,5 Milliarden, in wenigen Jahrzehnten könnten es über 10 Milliarden sein. Es ist völlig unrealistisch, heute für die Menschen ein kommunistisches Paradies, ein Leben nach „ihren Bedürfnissen“ einzufordern. Schon jetzt würde ein Konsumtionsniveau made in USA oder BRD die Ressourcen von 2 – 3 Planeten erfordern.

Derartige Konsumtionsideologie sollte nicht das Markenzeichen einer sozialistischen Gesellschaft sein. Nach „Bedürfnissen“ leben zu wollen, befördert ein Konsumdenken, das dem Kapitalismus ureigen und seine Existenzbedingung zur Profitmaximierung darstellt. Es degradiert den Menschen zum „Konsumtrottel“, gierig nach Besitz und wenig nachdenkend.

Was sollte die sozialistische Lebensweise prägen? Der Lebensinhalt eines vernunftbegabten Menschen kann nicht darin bestehen, noch mehr zu konsumieren und noch weniger zu arbeiten. Der Mensch sollte sein Lebensziel in anderen lebenswerten Errungenschaften sehen: Frieden, existenzsichernde und soziale Bindungen fördernde Arbeit, solidarisches Miteinander, soziale Sicherheit, Bildung, Zukunft. Das Kernstück einer sozialistischen Gesellschaft sollte national und international die soziale Gerechtigkeit sein. In diesem Sinne müssen Linke den Menschen ein neues sozialistisches Gesellschaftskonzept nahebringen und nicht einen „verbesserten Kapitalismus“ anstreben.

  1. Ist folglich „die Arbeitsproduktivität in letzter Instanz das Allerwichtigste, das Ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung.“ (Lenin)

Arbeitsproduktivität ist das Verhältnis von Ertrag (Produkte und Dienstleistungen) zur dafür aufgewandten Arbeit. Warum soll eine sozialistische Gesellschaft noch mehr (vielfach unnütze) Produkte und Leistungen anbieten als der entartete Kapitalismus? Warum will der Sozialismus noch mehr Arbeit einsparen als die kapitalistische Rationalisierung bei einem weltweit 100-millionenfach ungenutztem Arbeitsvermögen? Die Anforderung im 21. Jahrhundert kann nicht in der fortschreitenden Weg-Rationalisierung von Arbeit mit den teils sinnlosesten Methoden einer digitalisierten Welt bestehen. Arbeit wird durch immer höhere Abgaben künstlich verteuert, um Rationalisierung rentabel zu machen. Dem Kapital dient das nicht nur im ökonomischen Interesse. Weg-Rationalisieren der Arbeit ist auch von größtem politischen Interesse: Roboter streiken nicht, das Kapital kann willkürlich – ohne „Mitbestimmung“ – schalten und walten. Die Anforderung des 21. Jahrhunderts lautet: Energie und Ressourcen einsparen und sinnvolle Arbeit erhalten. Arbeit wird zwar nicht zum ersten Lebensbedürfnis werden, aber Arbeit gehört zum menschlichen Wesen. Nach F. Engels hat Arbeit zur „Menschwerdung des Affen“ geführt. Nichtarbeit führt zur Rückentwicklung des Menschen zur „Affenwerdung des Menschen“. Der Vorgang ist in vollem Gange.

  1. Frage: Sind die Produktivkräfte das revolutionäre Element?

Karl Marx stellte fest: Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. …. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.[8]

Zweifellos trifft diese Aussage auf alle Ausbeutergesellschaften zu. Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse die Entwicklung der Produktivkräfte und damit die Maximierung von Reichtum und Profit hemmen, werden sie beseitigt. Wie ist das aber für eine Gesellschaft, die eben nicht den maximalen Profit auf ihre Fahnen schreibt, für die es andere, menschliche Kriterien gibt? Es ist offenkundig, die sozialistische Umwälzung kann und sollte nicht warten, bis im Kapitalismus die sinnloseste Steigerung der Produktivkräfte und der Arbeitsproduktivität eingetreten ist. Sozialistische, sozial gerechte Entwicklung ist auf jeder Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte möglich und notwendig. Sie schließt eine sinnvolle, den realen Lebensbedürfnissen der Menschen und der Erhaltung der Umwelt entsprechende Entwicklung der Produktivkräfte ein, erhebt diese aber nicht zum Selbstzweck. Das ist die realistische Position mehrerer sozialistisch orientierter Entwicklungsländer, insbesondere in Lateinamerika.

  1. Frage: Ist die Arbeiterklasse die revolutionäre Kraft und der Totengräber des Kapitalismus?

Im „Kommunistischen Manifest“ heißt es: „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüber stehn, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehn unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt….. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweg gezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eignen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich. [9]

Zu Marx Zeiten bestand die Arbeiterklasse vorwiegend aus dem unter erbärmlichsten Bedingungen in der großen Fabrik arbeitenden Menschen. Diese hatten in der Tat nichts Anderes zu verlieren als ihre Ketten.

Und heute? Nach einer Studie[10] werden in der BRD von über 30 Millionen abhängig Beschäftigten etwa 11 Millionen „Arbeiter“ ausgewiesen. „Seit der Lebenszeit von Karl Marx vollzog sich ein dramatischer Wandel in der Wirtschaftsstruktur. … Aus `großer Maschinerie` und geballter Arbeiterklasse wurden Mittelbetriebe, Selbständige, Angestellte und Beamte,“ heißt es darin. Wer soll davon revolutionär sein? Existenzsichernde Arbeit ist selbst ein kostbares Gut geworden. Wer es besitzt, verteidigt es. „Die Arbeiterklasse“ im realen Kapitalismus ist dadurch in Teilen durch das Kapital selbst privilegiert. Arbeiter bei VW, Siemens, Bayer, BASF, Piloten, Lokführer und andere kämpfen mit ihren Branchengewerkschaften um Partikularinteressen zum Erhalt des Arbeitsplatzes, um Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und Einkommen. Legitim und notwendig! Sie verteidigen „Ihren“ Wohlfahrtsstaat und wollen ihn für sich noch besser nutzen.

Sie sind offensichtlich nicht die revolutionäre Kraft zur Veränderung der Gesellschaft und der Lage der von dieser Ausgegrenzten. Sie sind nicht an der Überwindung des kapitalistischen Systems interessiert, sondern leben gut damit und in ihm.

Das Festhalten an einer Ideologie von „der revolutionären Rolle der Arbeiterklasse“ lenkt von den Kräften ab, die auf Grund ihrer objektiven Lage an einer Veränderung des Gesellschaftssystems interessiert sein müssen. Revolutionäre Veränderungen des Systems erfordern im 21. Jahrhundert die Einbeziehung aller vom Kapital ausgebeuteten und vor allem ausgestoßenen Bevölkerungsschichten. Statt Diktatur einer Klasse gilt es, von vornherein breite Volksschichten in die Entscheidungsfindung und revolutionäre Aktionen einzubeziehen.

  1. Was tun?

Damit linke Bewegungen wieder Menschen zu einer revolutionären Veränderung des Gesellschaftssystems bewegen können, sind m.E. vier Bedingungen notwendig:

Zum ersten müssen die objektiven Bedingungen herangereift sein. In einem „Wohlfahrtssaat“ wird es keine revolutionäre Massenbewegung geben. Deshalb kann die “revolutionäre Situation“ nicht durch die bundesdeutsche „Wohlstandsbrille“ betrachtet werden. Die BRD – bei weitem nicht alle Bürger des Landes – lebt auf Kosten anderer Völker und Staaten. In großen Teilen der Welt sind die objektiven Bedingungen zur Veränderung des Systems überreif. Eine Welt, in der 1 Prozent der Bevölkerung mehr Reichtum angehäuft hat wie die „restlichen“ 99 Prozent ist nicht überlebensfähig und nicht überlebenswert. Eine „Wohlstandsgesellschaft BRD“, in der eine ähnliche Verteilungssituation vorliegt (0,5 Prozent der Bevölkerung besitzen so viel wie die „unteren“ 90 Prozent); in welcher die Wirtschaft wächst und Steuereinnahmen „sprudeln“, es aber gleichzeitig 100.000sende Obdachlose gibt, die Anzahl der auf „Tafeln“ Angewiesenen über 1,5 Millionen beträgt, 1,6 Millionen Kinder in Hartz IV-Familien aufwachsen, jeder fünfte Beschäftigte im Niedriglohnsektor arbeitet, reale Armut um sich greift – ist es auch nicht.

Grundlegende Veränderungen sind überfällig. Um diese zu erzwingen muss zum zweiten die Linke Bewegung ein klares gesellschaftspolitisches Ziel definieren. Dieses kann weder in einem zurück zu realsozialistischen Mustern, erst recht aber nicht in einem Mittanzen und Flickschustern innerhalb des bestehenden kapitalistischen Systems bestehen. Große Teile der linken Bewegung – insbesondere in den an der Macht beteiligten Führungsgremien – haben sich einer gefährlichen Ideologie bemächtigt. Sie besteht in der Illusion, durch „Mitgestalten“ und „Mitregieren“ das System so beeinflussen zu können, dass es letztlich in einer sozialistischen Gesellschaft mündet. Die Ideengeber sitzen in der mit staatlichen Mitteln hoch dotierten Rosa-Luxemburg-Stiftung (im Jahr 2017 mit 64,1 Millionen Euro – wofür?).

Der Hauptprotagonist derartiger Träume meint[11]: Eine Transformation im Rahmen des Kapitalismus wird zunehmend bereits Tendenzen einschließen, die über den Kapitalismus hinaus weisen. Das ist der Grundgedanke des Konzepts der doppelten Transformation für Europa.

Eine ganze professionelle Armada segelt hinter diesem Flaggschiff und träumt davon, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt „durch gleichberechtigte(!) internationale Verhandlungen und Vereinbarungen der Staaten“ den Hunger, die Umwelt- und Klimakrise beseitigen, die zunehmende Nord-Süd-Polarisierung eindämmen, Kriege und militärische Konflikte schließlich beseitigen zu können.“[12] Einfach so: Durch Verhandeln – ohne jedwede Umgestaltung der Gesellschaft(!?)

Marx und Engels beantworteten derartige professionale Träume bereits vor 140 Jahren. Die Aussagen sind so aktuell, dass ihnen nichts hinzuzufügen ist: „Man kann vermitteln, kompromisseln, philanthropisieren nach Herzenslust….Die ….Partei soll keine Arbeiterpartei sein, sie soll nicht den Haß der Bourgeoisie oder überhaupt jemandes auf sich laden;…… ,sie soll lieber ihre ganze Kraft und Energie auf diejenigen kleinbürgerlichen Flickreformen verwenden, die der alten Gesellschaftsordnung neue Stützen verleihen …. Es sind dieselben Leute, die unter dem Schein rastloser Geschwätzigkeit nicht nur selbst nichts tun, sondern auch zu hindern suchen, daß überhaupt etwas geschieht als – schwatzen…..An wirklichem, tatsächlichem oder theoretischem Bildungsstoff ist da absoluter Mangel…. Daher gibt es unter diesen Herren ungefähr soviel Standpunkte wie Köpfe; statt in irgendetwas Klarheit zu bringen, haben sie nur eine arge Konfusion angerichtet….. Solche Bildungselemente, deren erstes Prinzip ist, zu lehren, was sie nicht gelernt haben, kann die Partei gut entbehren……Gerät aber solchen Leuten gar die Parteileitung mehr oder weniger in die Hand, so wird die Partei einfach entmannt, und mit der proletarischen Schneid ist’s am End.“[13]

Leider ist dem heute so: Die Träume haben nicht nur Einfluss, sondern dominieren die Vorstellungen großer Teile der Führung der im deutschen Parlament vertretenen Partei DIE LINKE. Damit ist es mit dem revolutionären Schneid in der Tat zu Ende. Nur wenn eine linke Bewegung und Partei den Mut und die Kraft aufbringen, nicht mit am System herum zu werkeln, sondern dieses durch „Enteignung der Enteigner“ auf marxistischer Grundlage überwinden zu wollen, werden die Menschen, die vom herrschenden System die Schnauze voll haben, nicht zu rechten Rattenfängern wandern, sondern sich einer linken Alternative zuwenden.

Dazu ist es zum dritten notwendig, nicht in philosophischen Allgemeinplätzen zu verharren, sondern konkrete Handlungsmaximen zu erarbeiten. Als die DDR vom westdeutschen Kapital erobert wurde, lagen die Handlungsmaximen seit Jahrzehnten – überwiegend im Auftrag Konrad Adenauers von faschistischen Altkadern des Hitlerregimes ausgearbeitet – vor. Die Linke hat nichts anzubieten, wenn der Tag X des Zusammenbruches des kapitalistischen Systems heranreift: Wie wird Privateigentum – insbesondere Grund und Boden – wieder in Volkseigentum überführt? Wie werden die Macht und Entartung des Finanzkapitals gebrochen? Wie wird eine lebenswerte und existenzsichernde Vollbeschäftigung gewährleistet? Wie wird ein volkswirtschaftlich vernünftiges Planwirtschaftssystem gestaltet? Wie werden die Staatlichen Machtorgane (Regierung, Justiz, Medien) demokratisiert?

Zum vierten: Karl Marx: „Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“[14] Wie soll aber eine Theorie die Massen ergreifen, wenn  Linke überhaupt keine schlüssige Theorie haben?. Die Parteiführung der LINKEN bejammert: Wir haben aber keine revolutionäre Situation! Wo soll diese denn herkommen, wenn alle im systemkonformen Strom mit schwimmen und gut damit leben können? Wer soll revolutionäre Bewegungen führen, wenn die Partei selbst nicht revolutionär ist, sondern im System „mittanzt“?

Wir brauchen Marx` Ideen zur dringend notwendigen Umgestaltung einer perversen, große Teile der Menschheit in den Untergang treibenden Kapital-Gesellschaft. Aber nicht im nostalgisch dogmatischen Verharren, sondern im schöpferischen Gestalten.

Nicht rückwärts zu Marx – sondern vorwärts mit Marx!

[1] MEW, Dietz-Verlag 1969,  Band 3; Seite 5ff.

[2] K. Marx, Brief an die Redaktion einer linken russischen Zeitung, MEW 19, 111.

[3] MEW, Bd.22, S. 68-70

[4] F. Engels, Karl Heinzen, MEW 4, 321f.

[5] F. Engels, Brief an Paul Ernst (1890), MEW 22, 81.

[6] Sahra Wagenknecht „Reichtum ohne Gier“ Campus Verlag 2016, Seite 273

[7] Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, 21.

[8] Karl MarxVorwort zur “Kritik der Politischen Ökonomie“ MEW, Band 13, Seite 7

[9] Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 13-32.

[10] Ekkehard Lieberam/Jörg Miehe (Hrsg.) “Arbeiterklasse in Deutschland“ – Pahl-Rugstein-Verlag Bonn 2011 – „Von 17,2 Millionen Erwerbstätigen in produktiven Bereichen können rund 6,6 Millionen zum Feld einer Arbeiterklasse im orthodoxen und modernen Sinn zugerechnet werden.“ (Seite 156)

[11] Dieter Klein „Das Morgen tanzt im Heute“ VSA-Verlag 2013, Seite 14

[12] Steinitz/Walter „Plan – Markt – Demokratie“ VSA-Verlag,Seite 32/39

[13] Auszug aus dem Zirkularbrief von Karl Marx/Friedrich Engels vom 17./18. September 1879 – Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 150-166.

[14] Karl Marx „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ MEW 1976, Bd.1 , S. 378-391

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s