Interview zum 111. Geburtstag des Genossen Erich Mielke

Interview der Zeitung Die Wahrheit (DW) mit unserem Vorsitzenden Genossen Michael Koth (MK) aus Anlass des 111. Geburtstages des verdienten Genossen Erich Mielke

Frage DW: Genosse Micha, in der gesamten Linken herrscht, was die Ehrung verdienstvoller Genossen aus der DDR angeht, sozusagen seit Jahrzehnten eine gewisse Schockstarre. Wir nennen als Beispiel nur, dass im vorigen Jahr der 110. Geburtstag des Genossen Erich Honecker total totgeschwiegen wurde, und Du es wohl gewesen bist, der beim Grenzlandtreffen des Revolutionären Freundschaftsbundes die Initiative ergriffen hatte, und mit bewegenden Worten seinen Ehrentag vor Hunderten gewürdigt hatte. Das ist doch wohl so richtig?

Antwort MK: Ich bedanke mich erst einmal für das Interesse an diesen historischen Fragen, und darf vielleicht kurz ausholen. Jeder kennt unser Abzeichen, und jeder weiß, dass dieses eine Weiterentwicklung unserer vergangenen MfS-Symbolik ist. Ihr glaubt gar nicht, was es damals in unserer Organisation für Kämpfe gegeben hatte, diese Symbolik durchzusetzen. Manche hatten anscheinend Angst vor ihrer eigenen Courage, dass dieses Abzeichen viel Menschen abstoßen könnte. Heute können wir sagen, dass diese Freunde völlig unrecht hatten, denn eine Welle der Sympathie bis hin ins konservative bürgerliche Lager erreichte uns seit Jahren, frei nach dem saloppen Berliner Motto Die haben wenigstens einen Arsch in der Hose – das sind treue Genossen!

Frage DW: Wie seid ihr, oder besser gefragt, wie und zu welchem Zeitpunkt bist Du eigentlich mit dem Genossen Erich Mielke bekannt geworden?

Antwort MK: Auch hier gilt es, etwas weiter auszuholen, ohne alles zu verraten. Nachdem ich durch die Tochter des Genossen Honecker Sonja Yáñez die Anschrift ihrer Eltern in Lobetal bekam, begab ich mich am 26.01.1990 dorthin und wurde von Pfarrer Holmer sehr freundlich empfangen und führte das erste fast 2-stündige Gespräch mit den beiden. Das Ergebnis war, dass wir das Erich Honecker Solidaritätskomitee beschlossen zu gründen. Die Gründungsmitglieder waren u. a. Heinz Junge (Dortmund, DKP-Führung NRW), Werner Cieslak (Dortmund, ehem. FDJ-Funktionär in der BRD), Klaus Feske (Mitglied der SEW und deren Führung), Karl-Heinz Fernholz (Koblenz, DKP-Aktivist), Manfred Feist (Abteilungsleiter im ZK der SED bei Hermann Axen und nicht von Beruf Bruder von Margot) und neben weiteren meine Person. Damals war Erich Mielke sozusagen das erste Mal von seinen „eigenen“ Genossen widerrechtlich verhaftet worden, und bis Mitte 1991 stellte es sich für Außenstehende in etwa so dar, als ob der Genosse Minister resigniert hätte und verrückt geworden sei („wo ist mein Telefon, ich muss Verhaftungen vornehmen“). Doch dann ließ der Genosse Minister a. D. die „Bombe“ platzen, in dem er seinen Rechtsanwalt Michael König ersuchte, ihn mit Pressevertretern zusammenzubringen, denn die erste Phase sei beendet. Ich erspare mir jetzt das internationale Echo, das das erste Interview des Genossen Mielke nach der Konterrevolution ausgelöst hatte. In diesen Wochen baten mich führende Genossen des Kollegiums des MfS zu versuchen, mit dem Genossen Mielke Kontakt aufzunehmen. Nach drei vergeblichen brieflichen Versuchen, mit ihm Kontakt aufzunehmen, bekam ich durch die BRD-Klassenjustiz die Antwort, Mielke wolle mich nicht sprechen. Daraufhin wandte ich mich an RA König und bat ihn, bei seinem Klienten nachzufragen. Das Ergebnis war, dass der Genosse Minister mich sehr gerne sprechen wollte. So kann ich sagen, dass neben seinen Familiengehörigen Frau Trudchen und Sohn Frank sowie seinem Adjudanten Hans Carlsohn ich einer der ersten war, der ihn besucht hatte.

Frage DW: Wie verlief dieser erste Besuch erinnerungsmäßig ab?

Antwort MK: Beim Einlass der JVA Moabit gab es eine kurze Wartezeit und höfliche Behandlung. Anschließend die totale Filzung, weil einige Mitarbeiter wohl glaubten, dass sich in meinen Straßenschuhen ein toter Briefkasten befinden könnte. Dann wurde ich von einem freundlichen Mitarbeiter in den zuständigen Trakt gebracht. Erich Mielke saß auf dem Gang, und während des Gespräches (am Anfang waren uns nur 30 Minuten zugestanden worden), kamen laufend Gefangene vorbei, die dem Genossen Mielke freundliche Worte zuriefen und in all ihren Gesten ihre Hochachtung vor ihm zum Ausdruck brachten. Der begleitende Wachtmeister hatte soviel Takt, sich nicht unmittelbar an unseren Tisch heranzusetzen sondern lief in weiterem Abstand kettenrauchend umher. Erich Mielke begrüßte mich mit einem festen Händedruck und einem Funkeln in den Augen und sagte sinngemäß… Ick wusste imma, dat mich meene Jenossen nich im Stich lassen. Is doch klar, dat du eener von uns bist, jetzt hat sich die Spreu vom Weizen getrennt, die Entwicklung in der SU (Sowjetunion, d. Red.) is natürlich katastrophal, aba keen Grund zum Resignieren. Ick habe keene Angst, sollnse mir doch erschießen, ick habe meen Leben oft jenuch inne Waagschale jeworfen. An dieser Stelle erwiderte ich Jenosse Mielke, sie meinen bestimmt nicht nur die Zeit in Spanien 1936 bis 1938? Daraufhin antwortete er Da haste Recht, meen Junge! Ich fragte ihn danach, wie es denn mit der Post sei, und ob diese größtenteils negativ sei oder er überhaupt Post bekäme. Er antwortete mit einem typischen Lächeln Ein Viertel Mordhetze, und Dreiviertel sehr freundliche und solidarische Briefe. Ick will ma ’n Beispiel bringen. Aus Karl-Marx-Stadt meinem Wahlkreis erhielt ich von einem Ärztekollektiv einen netten Brief, in dem se sich bedanken, wat ick allet für die Poliklinik getan hatte. Am Ende des Gespräches brachte er zum Ausdruck, dass die gegenwärtige schlimme Lage der Arbeiterbewegung in Europa nicht ewig anhalten wird, und wörtlich… Ick bin sicha, dat Kuba und der Fidel und erst recht Nordkorea mit dem Kim nich kapitulieren werden, die halten durch!

Frage DW: Ist es denn nicht peinlich, wo heute doch bestimmt zum Glück 50% der Zeitzeugen und Mitarbeiter nicht nur des Soli-Komitees noch leben und gesellschaftlich noch aktiv sind, sich nur sehr wenige zu dieser Zeit (1990-98) bekennen?

Antwort MK: Das liegt meiner Meinung nach an dem weit verbreiteten Dogmatismus und Sektierertum der in vielen Gruppen organisierten, die nichts weiter im Auge haben, als einen selbsternannten Führungsanspruch zu verwirklichen, anstatt auf solidarischer Minimalgrundlage frei nach dem Motto Getrennt marschieren – vereint siegen zu agieren. Wer die Geschichte seiner eigenen Nation verleugnet und verleumdet, wird perspektivmäßig zum ewigen Kosmopoliten herabsinken, frei nach den Worten von Friedrich Engels Einmal auf der schiefen Bahn angekommen, wird es kein Halten mehr geben! Wer die Geschichte seiner eigenen Arbeiterbewegung totschweigt oder verfälscht (egal aus welchen Gründen auch immer) wird nichts weiter als ein nützlicher Idiot des Klassen- und Volksfeindes sein. Die historischen Betrachtungen sind kein Selbstzweck sondern eine Anleitung zum Handeln in der Gegenwart und für evtl. Siege in der Zukunft.

Frage DW: Du hast sehr viel Interessantes gesagt, und wir denken im Namen vieler Leser, dass es wichtig wäre, dieses Interview fortzuführen.

Antwort MK: Liebe Freunde, selbstverständlich stehe ich dazu jederzeit gerne bereit und werde meine (unsere) Ausführungen mit historischen Dokumenten unterfüttern…

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